Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 16.05.2018


Exklusiv

„Das Buch hat große Zukunft“

Helge Malchow arbeitet seit mehr als 35 Jahren für den Verlag Kiepenheuer und Witsch. Ein Gespräch über intensive Textarbeit, verlegerisches Vertrauen und das „Vertiefungsmedium“ Buch.

© Melanie GrandeTrotz Umsatzeinbußen im Buchhandel: Verleger Helge Malchow setzt weiterhin auf das gedruckte Buch.



1981 haben Sie im Verlag Kiepenheuer & Witsch als Praktikant angefangen, seit 2002 sind Sie verlegerischer Geschäftsführer. Gibt es Highlights, auf die Sie gerne zurückblicken?

Helge Malchow: Ich bin seit Ende 2001 verlegerischer Geschäftsführer, aber zuvor war ich zehn Jahre Cheflektor und wiederum zehn Jahre zuvor Lektor. Ich arbeite seit über 35 Jahren im Verlag. Wenn ich also damit beginne, die wichtigen Autorinnen und Autoren aufzuzählen, dann müsste ich sehr lange reden (lacht). Aber es gibt natürlich Klassiker, die man mit dem Verlag verbindet, etwa den Nobelpreisträger Heinrich Böll, aber auch den amerikanischen Schriftsteller Saul Bellow oder Gabriel García Márquez, Julian Barnes, Jonathan Safran Foer, Uwe Timm oder Günter Wallraff. Es gibt Hunderte von bedeutenden Büchern, die in den vergangenen dreißig Jahren erschienen sind.

Wenn Sie so ins Erzählen kommen, dann spürt man, dass Sie Ihr Leben der Literatur gewidmet haben. Bald werden Sie in Pension gehen. Was wird sich ändern?

Malchow: Pensionierung ist der falsche Ausdruck. Das Einzige, das sich ändern wird, ist, dass ich als verlegerischer Geschäftsführer meine Arbeit beende, aber ich werde weiterhin für den Verlag aktiv sein, indem ich — wie bisher auch — Autorinnen und Autoren betreue, Projekte entwickle, Bücher „in Gang bringe". Die Programmarbeit für den Verlag gebe ich also nicht auf. Das heißt: Mein Leben wird sich nicht wesentlich verändern.

Der Prozess des Lektorierens ist eine intensive Tätigkeit. Viele Autorinnen und Autoren haben eine enge Bindung zu ihren Lektoren. Wie ist das bei Ihnen?

Malchow: Die Arbeit am Text eines Autors ist auf keinen Fall nur eine technische Arbeit, sondern es ist eine Tätigkeit, bei der man sich menschlich sehr nahe kommt. Das kann auch gar nicht anders sein, denn beim literarischen Schrei­ben rückt das Individuum des Schriftstellers in den Mittelpunkt. Eine fruchtbare Arbeit am Text des Autors entsteht nur dann, wenn es zwischen dem Lektor und dem Verleger auf der einen Seite und dem Autor auf der anderen Seite großes Vertrauen gibt.

Klingt sehr kompliziert. Sind Sie mit Autorinnen und Autoren auch befreundet?

Malchow: Die Beziehung zu Autorinnen und Autoren ist selbstverständlich kompliziert. Die Arbeit bewegt sich zwischen zwei Polen: Es braucht Vertrauen, aber auch Offenheit für Kritik, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen. Lektorieren ist ein langer Prozess im Umgang mit Texten, aber auch mit Menschen. Es stellt auch hohe Anforderungen an die charakterlichen Qualitäten eines Menschen. Aus diesen jahrzehntelangen, intensiven Lektoratsbeziehungen mit Autoren sind — vielleicht gerade deshalb — auch Freundschaften entstanden.

Mit welchen Autorinnen und Autoren sind Sie beispielsweise befreundet?

Malchow: Katja Lange-Müller, Eva Menasse und Alois Hotschnig, also die drei Autoren, mit denen ich heute auf der Bühne der Wagner'schen Buchhandlung sprechen werde, sind gute Beispiele dafür, dass Sie ganz nah an meinem Herzen leben und nicht nur gewissermaßen verlegerische Partner sind. Aber es gibt natürlich eine Vielzahl von anderen Autoren, mit denen ich befreundet bin.

Die Verkaufszahlen gehen zurück. Das trübt die Stimmung am Buchmarkt. Wie sehen Sie diesen Umstand?

Malchow: Ich gehöre nicht zu den Jammerstimmen in diesem Orchester. Ich bin der Auffassung, dass das Buch als Medium nicht nur eine große Vergangenheit, sondern auch eine große Zukunft hat. Die physische Präsenz eines Buches, auch seine ästhetische Qualität sind einzigartig. Seit der Digitalisierung kommen die Stärken des gedruckten Buches sogar noch mehr zum Tragen als je zuvor, weil die Unterschiede zu einem Online-Artikel oder einem schnell gelesenen SMS erst heute richtig fassbar sind. Das Buch ist ein Vertiefungsmedium, ein Medium, das seine Themen auf eine komplexe Art und Weise behandelt, mit genügend gedanklichem Platz, sodass ein wirklich intensiver Austausch zwischen diesem Text und dem Leser passiert. Das ist eine einzigartige Qualität, die nur das Buch erbringen kann, egal, ob es auf Papier gedruckt wird, oder ob es als E-Book gelesen wird. Dieses Vertiefungsmedium werden wir Menschen auch weiterhin brauchen, um die immer komplexer werdende Welt zu verstehen.

Was wird das Publikum bei dem heutigen Abend erwarten?

Malchow: Die Autoren werden lesen, aber wir geben auch Einblick in unsere Zusammenarbeit. Außerdem erzähle ich die Geschichte des Verlages und ich werde über das Selbstverständnis des Verlages sprechen, in der Vergangenheit und in der Gegenwart.

Das Gespräch führte Gerlinde Tamerl




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