Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 18.05.2018


Kulturpolitik

Causa Erl: ,,Geste guten Willens“ als ,,kleiner Sieg“

Gustav Kuhn zieht seine medienrechtlichen Klagen gegen einen Tiroler Blogger zurück. Dieser sieht sich dadurch bestätigt.

© De MoorGustav Kuhn gründete vor rund 20 Jahren die Tiroler Festspiele Erl. Ehemalig­e Festspielmitarbeiter erheben schwere Vorwürfe gegen ihn.



Innsbruck, Erl – Am kommenden Dienstag, 22. Mai, hätte Gustav Kuhn vor dem Innsbrucker Landesgericht aus­sagen sollen. Er selbst hatte das Verfahren gegen einen Ötztaler Blogger angestrebt, der dem Leiter der Tiroler Festspiele Erl online einen einschüchternden Führungsstil und sexuelle Nötigung vorwirft.

Nun hat Kuhn seine medienrechtlichen Entschädigungsanträge zurückgezogen. Das bestätigte der Medienbetreuer der Erler Festspiele, Josef Kalina, gestern. „Eine Geste guten Willens“, heißt es dazu in einem Schreiben von Kuhns Anwalt Michael Krüger. Krüger vertritt auch Festspiel-Präsident Hans Peter Haselsteiner, der ebenfalls mehrere Klagen gegen den Blogger eingebracht hat. Der Eindruck, seine Mandanten würden beabsichtigen, die wirtschaftliche Existenz des Bloggers durch rechtliche Schritte zu vernichten, solle vermieden werden, so Krüger. Tatsächlich hatte dieser auf seiner Seite den Verdacht formuliert, er soll durch die zahlreichen Klagen „vernichtet“ werden. Gustav Kuhn selbst war gestern für keine Stellungnahme zu erreichen. Der „Maestr­o“ habe gerade mit den Proben der heurigen Festspiel-Oper „Hermione“ von Gioacchino Rossini begonnen, heißt es aus dem Büro der Tiroler Festspiele.

Die vom Festspielleiter eingebrachte Zivilklage wegen Verleumdung gegen den Blogger laufe hingegen „selbstverständlich weiter“, so Krüger. Deren einziges Ziel sei es, die gegen Kuhn erhobenen Vorwürfe endgültig aus der Welt zu schaffen. „Auch diese Verfahren könnten rasch beendet werden, wenn der Beklagte die Beschuldigungen zurücknimmt und sich entschuldigt.“

Insgesamt sind bislang sieben Hauptklagen gegen den Blogger am Landesgericht Innsbruck eingegangen. Krüger hält dazu fest, dass bisher sämtliche Klagen gegen den Blogger erfolgreich gewesen seien: „Vom Landesgericht Innsbruck wurden drei rechtskräftige einstweilige Verfügungen gegen ihn erlassen.“

Der Beklagte sieht in Kuhns Teil-Rückzug einen „kleinen Sieg“ gegen den Festspiel-Chef. Kuhn hätte das Verfahren verloren, lässt er sich von der APA zitieren. „Er wäre untergegangen.“ Bislang haben vor Gericht zwei Entlastungszeugen ausgesagt. Am Dienstag wäre ein­e dritte Zeugin einvernommen worden. Diesen Aussagen hätt­e Kuhn nichts entgegenzusetzen, so der Blogger. Auch der Zivilklage sehe er gelassen entgegen.

Festspiel-Präsident Hans Peter Haselsteiner hatte am Wochenbeginn im TT-Gespräch angekündigt, dass Kuhn bis Herbst 2020 im Amt bleiben soll. Seine Nachfolge wurde inzwischen ausgeschrieben. Einen Zusammenhang zwischen der Ankündigung von Kuhns Abschied und dem Aufkommen der Vorwürfe gegen ihn gebe es nicht, erklärte Haselsteiner. Die Entscheidung sei von langer Hand geplant gewesen und gemeinsam mit Kuhn getroffen worden.

Im Zuge der #MeToo-Debatt­e veröffentlichte der Tiroler Blogger Ende Februar dieses Jahres anonymisierte Auszüge aus Stellungnahmen ehemaliger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Tiroler Festspiele, die die Arbeitsbedingungen in Erl scharf kritisieren. Gustav Kuhn wird darin vorgeworfen, seine Machtposition als Leiter, Dirigent und maßgeblicher Regisseur der von Land und Bund mit insgesamt rund zwei Millionen Euro geförderten Festspiele missbraucht zu haben. Die Vorwürfe reichen von „despotischem Auftreten“ über „Psychoterror“ bis zu sexueller Nötigung und Vergewaltigung. Für den 72-Jährigen gilt die Unschuldsvermutung. (jole)