Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 02.08.2018


Causa Erl

Neuer Erl-Chef „will nicht an Kuhns Sessel sägen“

Nach Gustav Kuhns Rückzug leitet sein Vize Andreas Leisner interimistisch die Festspiele. Kuhn soll weiter als Dirigent auftreten.

Andreas Leisner hat das Dirigentenhandwerk von seinem Mentor Gustav Kuhn gelernt. Jetzt hat Leisner von Kuhn auch die Funktion des Künstlerischen Leiters übernommen.

© TFEAndreas Leisner hat das Dirigentenhandwerk von seinem Mentor Gustav Kuhn gelernt. Jetzt hat Leisner von Kuhn auch die Funktion des Künstlerischen Leiters übernommen.



Von Markus Schramek

Erl, Wien, Innsbruck – Plötzlich Chef. Mit dieser Tatsache ist Andreas Leisner konfrontiert. Der 41-jährige Münchner sitzt jetzt auf jenem Sessel, den Gustav Kuhn räumen musste. Kuhn hat seine Funktion als Künstlerischer Leiter der Festspiele Erl ruhend gestellt, nachdem fünf Künstlerinnen ihm Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe vorgeworfen hatten.

Leisner war bisher Kuhns Vize. Und loyal ist er dem suspendierten Ex-Chef weiterhin. „Ich werde Kuhns Stuhl warmhalten und nicht an ihm sägen“, sagt Leisner im TT-Gespräch. Zu den Vorwürfen gegen Kuhn, die dieser bestreitet, will sich Leisner nicht äußern. „Das ist die Aufgabe der Staatsanwaltschaft und der Gleichbehandlungskommission des Bundes.“

Leisner gilt als Vertrauter Kuhns. Der Deutsche war auch als Zeuge für den Maestro nominiert, in einem der Prozesse Kuhns gegen den Ötztaler Blogger, der die Causa ins Rollen gebracht hatte.

Von seinem Mentor Gustav Kuhn (hier bei der Eröffnung der Festspiele Erl Anfang Juli 2018) hat Leisner das Dirigentenhandwerk gelernt.
Von seinem Mentor Gustav Kuhn (hier bei der Eröffnung der Festspiele Erl Anfang Juli 2018) hat Leisner das Dirigentenhandwerk gelernt.
- Hans Osterauer

„Zu dieser Gerichtsverhandlung kam es aber nicht mehr, weil Kuhn den Prozess zurückzog“, erinnert sich Leisner. Er hält sich selbst in der Causa Kuhn für unbelastet. In zwölf Jahren Erl habe er überdies genug Erfahrung gesammelt, um das jetzige Interregnum zu bewältigen.

Kuhn ist bis auf Weiteres nicht mehr Chef und Regisseur – am Dirigentenpult soll der 72-jährige Erl-Gründer aber weiterhin präsent und aktiv bleiben. „Wir planen das weitere Programm ab kommendem Herbst mit Kuhn am Dirigentenpult“, macht Leisner deutlich.

Die Staatsanwaltschaft Innsbruck will sich in einigen Wochen dazu äußern, ob die Ermittlungen gegen Kuhn, für den die Unschuldsvermutung gilt, strafrechtlich Relevantes ergeben. Die Gleichbehandlungskommission des Bundes, sie wurde vom Vorstand der Stiftung Erl eingeschaltet, führt ihre Untersuchung unabhängig von der Justiz. Vor dieser Kommission muss Kuhn nachweisen, dass die ihm zur Last gelegten Vorfälle nicht stattgefunden haben.

Ex-Soziallandesrätin Christine Baur ist vom Land Tirol als Ombudsfrau in Erl eingesetzt worden. Sie war von 1998 bis 2008 Gleichbehandlungsanwältin für Westösterreich. Die Arbeit der Gleichbehandlungskommission ist der Juristin bestens bekannt.

„Die Kommission besteht aus Arbeitsrechtsexperten, die von den Sozialpartnern entsandt werden. Sie befragt Zeugen und erstellt ein Gutachten“, beschreibt Baur das Prozedere. „Arbeitsrechtlich ist der Bereich ,sexuelle Belästigung‘ viel weiter gefasst als im Strafrecht“, so Baur. Sie glaubt, „dass es zwischen sechs Monaten und einem Jahr dauern wird“, bis die Kommission ihre Arbeit in der Sache Erl abgeschlossen hat.

Bis dahin ist Leisner künstlerisch hauptverantwortlich. „Ich bleibe, solange ich gebraucht werde“, betont der Interims-Chef, der Opernregie studiert hat und „von Kuhn auch zum Dirigenten erzogen wurde“. Für die Nachfolge des 72-jährigen Kuhn, dessen Vertrag 2020 ausläuft, hat sich Leisner nicht beworben. „Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner hat mir zu verstehen gegeben, dass man einen Neustart anstrebt mit einer Persönlichkeit, die nicht in Erl groß geworden ist.“

In puncto Rechtsvertretung haben sich die Wege Kuhns und Haselsteiners getrennt. Bisher wurden beide von Anwalt Michael Krüger, dem kurzzeitigen FPÖ-Justizminister des Jahres 2000, vertreten. Krüger behält Kuhn unter seinen Fittichen. Haselsteiner und die Stiftung Erl sind zu einer anderen Wiener Kanzlei gewechselt – um Interessenkonflikte zu vermeiden.