Letztes Update am Mi, 24.10.2018 19:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Festspiele Erl

Festspiele Erl: Zukunft ohne „Erlkönig“, aber mit Regieversprechen

Nach dem Sturz von Alleinherrscher Gustav Kuhn setzt das Tiroler Wagnerfest auf Erfahrung abseits der “Magie“. Mit 1. September 2019 übernimmt Bernd Loebe die künstlerische Leitung. „Erlkönig“ Kuhn hat alle Funktionen zurückgelegt und will sich ins Kloster zurückziehen.

© APA/JägerBernd Loebe und Festspielpräsident Hans-Peter Haselsteiner während des Pressegesprächs in Wien.



Erl, Wien – 2024 wird es in Erl eine neue „Götterdämmerung“ geben – als Abschluss eines vollen, 2021 startenden „Ringes“ von Regisseurin Brigitte Fassbaender. Eine Götterdämmerung hat man aber auch jetzt schon hinter sich. „Erlkönig“ Gustav Kuhn ist gestürzt, die Zukunft bringt mit Bernd Loebe viel Erfahrung und ein Regieversprechen: Im Gegensatz zu Kuhn gilt Loebe als ausgemachter Regietheaterfreund.

Moderne Musiktheaterästhetik statt „Erlkönig-Magie“

Er habe die Befürchtung gehört, dass ohne Kuhn die „Magie“ der Festspiele Erl abhandenkommen werde, berichtet Loebe bei seiner heutigen Vorstellung als Intendant ab September 2019. „Da mag etwas dran sein. Ich bin aber immer hellhörig, wenn ich so etwas höre. Es gibt eine Partitur und es gibt einen Dirigenten.“ Die Magie stelle sich manchmal ein, und manchmal nicht. Die Legende um den charismatischen Anführer, der sich nicht selten als übergriffiger Despot entpuppt, für den künstlerischen Erfolg aber unverzichtbar ist, dürfte im neuen Chef keinen Gläubigen gefunden haben.

Dafür hat sich Loebe, der die Frankfurter Oper, die er weiterhin leiten wird, mehrfach zum „Opernhaus des Jahres“ gebracht hat, einen Namen als Verfechter einer modernen Musiktheaterästhetik gemacht. Mit seiner Regentschaft in Frankfurt wie zuvor in Brüssel sind Regienamen wie Christof Loy, Keith Warner oder Claus Guth verbunden. Das dürfte für Erl, wo der regiefeindliche Kuhn auch als Regisseur werkte - im Sinne eines Opernerlebnisses, das von der Inszenierung möglichst unbehelligt bleiben soll – einen Paradigmenwechsel bedeuten. Wenn auch mit Vorsicht. Ihm sei bei seiner Zusage noch nicht klar gewesen, wie limitiert die technischen Möglichkeiten des Festspielhauses sind, gab Loebe heute zu.

Bernd Loebe wird neuer künstlerischer Leiter der Festspiele Erl.
- imago/epd

Neben der Erhaltung der musikalischen Qualität werde der Spielraum für Musiktheater daher nach Maßgabe zu erweitern sein. Die Regisseure würden in ihrer Fantasie gefordert sein und „gefragt, auf ein Urelement ihrer Arbeit zurückzugreifen, nämlich die Personenregie“. Gemeinsam mit dem Vorhaben, „hoffnungsvolle Sänger“ und „hochbegabte Dirigenten“ am Anfang ihrer Laufbahn zu verpflichten, lässt dies durchaus Hoffnung zu, dass sich Erl nach dem Skandal neu erfinden könnte.

Skandal wird Nachwehen haben

Der wird freilich noch massive Nachwehen produzieren. Denn die Vorwürfe beziehen sich nicht nur auf einzelne Übergriffe, die von Opfern mittlerweile namentlich zur Sprache gebracht werden und sie beziehen sich nicht nur auf arbeitsrechtliche Verstöße, zu denen um die hundert Strafverfahren anhängig sind. Selbst wenn die Untersuchungen der Gleichbehandlungskommission ergebnislos bleiben, selbst wenn strafrechtlich relevante Vorwürfe gegen Kuhn verjährt sind, selbst wenn der Landesrechnungshof keine gröberen Ungereimtheiten in der Gebarung der Festspiele findet und sich die Verdachtsmomente wegen arbeitsrechtlicher Belange nicht erhärten: Die Vorwürfe haben Schlaglichter auf ein System geworfen, das offenbar von seinen Anfängen an an strukturellen Ausbeutungsmechanismen aller Art gekrankt hat. Nur wenn es Loebe und den Festspielen gelingt, diese Mechanismen glaubhaft als Teil eines „System Kuhn“ zu entlarven und sie ebenso zu stürzen wie seinen Alleinherrscher, wird Erl als Österreichs „Grüner Hügel“ eine Zukunft haben.

Nach ZIB-Interview Funktionen zurückgelegt

Festivalgründer Gustav Kuhn, der nach Vorwürfen sexueller Übergriffe beurlaubt worden war, legte all seine Funktionen mit sofortiger Wirkung zurück, wie heute bekannt wurde. Dies hätte er Haselsteiner nach seinem Interview in der ORF „ZIB 2“ am Montagabend mitgeteilt, wie der Festspielpräsident sagte. Im Interview selbst hatte er noch alle Vorwürfe bestritten. Der Dirigent wolle sich nun erstmal für eine Weile ins Kloster zurückziehen, so Haselsteiner. Was die Vorwürfe arbeitsrechtlicher Verletzungen gegen die Festspiele betrifft, zeigte sich Haselsteiner überzeugt, dass davon „nichts übrigbleiben“ werde. „Wir wurden und werden intensiv geprüft“, er gehe davon aus, dass etwaige Beanstandungen nur Dinge betreffen würden, „die es überall sonst auch gibt“. Man fühle sich verpflichtet, „die Gesetze penibel einzuhalten“.

Die Suche nach einem Nachfolger für Kuhn als Festivalintendant habe jedenfalls schon vor Bekanntwerden der Vorwürfe begonnen. Es hätte zahlreiche sehr gute Bewerbungen gegeben, auch von Frauen, aber „Bernd Loebe war schwer zu übertreffen“, so Haselsteiner. Er habe jemanden mit „unbestrittener Autorität“ gesucht, „der so gut vernetzt ist, dass er uns Möglichkeiten eröffnet“.

Musikjournalist, Opernhaus-Leiter, Vertreter der Branche

Bernd Loebe gehört zu den erfahrendsten Proponenten des deutschsprachigen Opernbusiness. Seit 2002 leitet der am 15. Dezember 1952 geborene Frankfurter das Opernhaus in seiner Heimatstadt – das unter seiner Ägide wiederholt zum Opernhaus des Jahres gekürt wurde. Am Main läuft sein Vertrag noch bis 2023 – und nun übernimmt der Vielarbeiter mit 1. September 2019 die Festspiele Erl dazu.

Dabei kommt Loebe eigentlich nicht aus dem aktiven Kulturbetrieb, begann er nach dem Jus-Studium in Frankfurt doch zunächst von 1975 bis 1980 für die Frankfurter Allgemeine Zeitung über Musik zu schreiben und in Fachorganen wie der Neuen Musikzeitung und der Opernwelt zu veröffentlichen. 1979 wurde er dann Redakteur in der Musikabteilung des Hessischen Rundfunks, wo er unter anderem Sendereihen zum Musiktheater gestaltete.

Der Wechsel auf die künstlerische Seite folgte 1990, als er Künstlerischer Direktor am La Monnaie in Brüssel wurde. Nach Erfahrungen als Mitarbeiter von Regisseur Keith Warner in Bayreuth und als Berater des Frankfurter Generalmusikdirektors Paolo Carignani folgte dann der bis dato größte Karriereschritt Loebes, als er 2002 sein Amt als Intendant der Oper Frankfurt antrat. Loebe investierte vor allem in die Herausbildung eines starken Ensembles und in die Zusammenarbeit mit auch in Wien bestens bekannten Regiegrößen wie Claus Guth, Christof Loy oder Keith Warner.

Neben seinem eigenen Haus ist Loebe auch in der Vertretung der Branche allgemein aktiv, ist er seit 2009 doch Vizepräsident der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste und seit 2010 Vorsitzender der Deutschen Opernkonferenz. Nun übernimmt der Hesse ab dem 1. September 2019 neben seiner Frankfurter Intendanz die Nachfolge von Gustav Kuhn bei den Festspielen Erl, der mit sofortiger Wirkung all seine Funktionen zurückgelegt hat, wie am Mittwoch bekannt wurde. Bis zur Übernahme der Leitung durch Loebe werden die Festspiele weiterhin interimistisch von Andreas Leisner geführt. (TT.com, APA)