Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 28.01.2019


Kulturpolitik

Wiener Hofmobiliendepot: Ein Schloss für alle

„Bruch und Kontinuität“: Das Wiener Hofmobiliendepot begibt sich auf die oft verschlungenen Wege des Habsburger-Erbes nach 1918.

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© Hofmobiliendepot



Von Bernadette Lietzow

Wien – „Der alte Kaiser war 60 Jahre lang bemüht, die Monarchie zugrunde zu richten und er hat es nicht geschafft; der junge wird das in zwei Jahren fertigbringen.“ Dieses alles andere als hoffnungsfrohe Zitat Ernest von Koerbers, im Herbst 1916 k. u. k. Kurzzeit-Ministerpräsident, skizziert ganz anschaulich den inneren wie äußeren Zustand dessen, was eine zeitgenössische Karikatur knapp ein Jahr nach dem Ende der Monarchie als „Ruine Habsburg“ persifliert. Tragisch und zugleich komisch wirkt das Foto des lässig lümmelnden letzten Kaisers Karl im Kreis seines Kronrates in Laxenburg – zu einem Zeitpunkt, wo auch das „Viribus Unitis“, der Leitspruch „Mit vereinten Kräften“ von Franz Joseph I., zur bloßen Formel verkommen ist.

Am 11. November 1918 verzichtete Karl auf seine Anteilnahme an den Regierungsgeschäften der am nächsten Tag offiziell ausgerufenen Republik Deutschösterreich. Noch am gleichen Abend zog der Kaiser mit seiner Familie in das Jagdschloss Eckartsau im Marchfeld, einige Monate später erfolgte die von Staatskanzler Renner garantierte Abreise „in allen Ehren“ in das Schweizer Exil. Eine formelle Abdankung fand nie statt.

Im Wiener Hofmobiliendepot, dessen Geschichte als Möbellager der Habsburger bis in das 18. Jahrhundert zurückreicht und das heute mit 165.000 Objekten als eine der größten Möbelsammlungen der Welt gilt, stellt man sich im Rahmen der Ausstellung „Bruch und Kontinuität“ dem „Schicksal des habsburgischen Erbes nach 1918“, so der Untertitel der ungewöhnlichen Schau.

Stoff für einen Juwelen-Krimi: Dem Schicksal von ehemals kaiserlichen Besitztümern wird in der aktuellen nach Themenfeldern unterteilten Schau nachgegangen.
Stoff für einen Juwelen-Krimi: Dem Schicksal von ehemals kaiserlichen Besitztümern wird in der aktuellen nach Themenfeldern unterteilten Schau nachgegangen.
- Hofmobiliendepot

Das Ende der 600-jährigen Habsburger-Herrschaft läutete politisch eine neue Epoche ein und trotzdem existierte in der jungen Republik noch bis 1921 eine Art „Hof ohne Kaiser“. So lange dauerte die Umsetzung von Paragraf 5 des im Frühjahr 1919 verabschiedeten Habsburgergesetzes, der den Anspruch der Republik Deutschösterreich auf die materielle Erbmasse der Habsburger-Dynastie legitimierte. Spannend dargestellt ist dabei die Quasi-Profanisierung so paradigmatischer Gebäude wie des Schlosses Schönbrunn oder der Hofburg.

1919 belegten Kriegsinvalide, die sich als „Opfer habsburgischen Unrechts“ sahen, Teile von Schönbrunn. Die Hilfsorganisation „American Relief Administration“ mietete sich in ehemaligen „Herrscher“-Orten wie dem Belvedere oder ebenso in Schönbrunn ein und versorgte unter Verwendung von Utensilien aus den diversen Schlossküchen hungernde Wiener Kinder. Wie aufwändig und zugleich fast beängstigend exakt – der kakanische Beamtenethos überlebt auch ohne Kaiser – die Erfassung und Überführung der beweglichen und unbeweglichen Güter in Staatsbesitz erledigt wurde, machen all die Schablonen, Stempel und anderen Inventarisierungs-Utensilien deutlich, die in einer Vitrine gestapelt liegen. Als fast rührendes Sinnbild weist ein kleines Senfgefäß mit nur notdürftig ausgekratztem Doppeladler hin auf das schwierige Unterfangen, die Kaiserzeit zu überwinden.

Kriminalistisch wird es, wenn die Schau sich auf die Spur der Kronjuwelen begibt, die Karl und seine Frau Zita ins Exil mitgenommen und zum Teil, vermutlich oftmals unter Wert, verscherbelt haben. Nie mehr aufgetaucht ist der walnussgroße, 133 Karat schwere „Florentiner-Diamant“ aus dem Besitz Maria Theresias, der bis in die 1980er-Jahre regelmäßig für wilde Gerüchte und Spekulationen sorgte.

Wie gewinnbringend sich die Vergangenheit als Kulisse verwerten lässt, entdeckte die junge Republik mit dem zunehmenden Interesse der Filmindustrie an historischen Schauplätzen und Inventar. Am Beispiel des verschollenen Monumentalfilmes „Der Graf von Cagliostro“ wird deutlich, wie Historie zum (Film-)Bild und damit zur angeleiteten Erinnerung gerät.

In der Person von Kronprinz Rudolfs Tochter Elisabeth Windisch-Graetz, die aufgrund ihrer sozialdemokratischen Gesinnung „Rote Erzherzogin” genannt wurde, konzentriert sich schließlich das Thema der Ausstellung: Sie vermachte ihren Besitz an Kunstgegenständen aus der Familie der Republik Österreich.