Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 12.02.2019


Festspiele Erl

Gustav Kuhns Dissertation: Nachprüfung von Wert und Sinn

Plagiatsprüfer Stefan Weber hat weitere Teile von „Wert und Sinn im musikalischen Kunstwerk“ im privaten Auftrag untersucht — und dabei Passagen entdeckt, in denen wörtliche und sinngemäße Zitate nicht als solche ausgewiesen wurden

Gustav Kuhn.

© Tom BenzGustav Kuhn.



Innsbruck, Salzburg – Im August vergangenen Jahres – wenige Tage, nachdem er seine Funktion bis zur Klärung der Vorwürfe gegen ihn ruhend gestellt hatte – wurde Gustav Kuhn, der Gründer und langjährige Leiter der Tiroler Festspiele Erl, von der Universität Salzburg vom Verdacht, seine Doktorarbeit mit Plagiaten angereichert zu haben, entlastet. Seine 1969 eingereichte Dissertation weise handwerkliche Fehler und plagiierte Textpassagen auf, diese seien aber nicht werkprägend, so das Urteil einer Expertenkommission.

Inzwischen ist die Ära Kuhn bei den Festspielen beendet. Bei der privaten Geburtstagsfeier von Festspiel-Präsident Hans Peter Haselsteiner dirigierte Kuhn, dem mehrere Künstlerinnen sexuelle Übergriffe vorwerfen, trotzdem.

Ein Comeback erleben nun auch die Plagiatsvorwürfe gegen den in Erl einst allmächtigen Maestro: Plagiatsprüfer Stefan Weber hat weitere Teile von „Wert und Sinn im musikalischen Kunstwerk“ im privaten Auftrag untersucht – und dabei Passagen entdeckt, in denen wörtliche und sinngemäße Zitate nicht als solche ausgewiesen wurden. Zunächst hatte Profil berichtet. Inzwischen liegt Webers Gutachten auch der TT vor.

Geprüft hat Weber vor allem das zentrale Kapitel von Kuhns Arbeit. In diesem entwickelte er seine eigene Theorie zum Forschungsgegenstand. Bei der Prüfung durch die Uni Salzburg waren in diesem Teil des Textes keine Plagiate identifiziert worden. Hätte man dort welche gefunden, hätte es „zum Vorwurf vorsätzlichen Plagiats führen müssen“, heißt es in dem im August veröffentlichten Gutachten. Und just dort scheint Weber fündig geworden zu sein. Bedient habe sich Kuhn vor allem bei Hans Eduard Hengstenberg und in der „Musikästhetik“ von Karl Gunsky. Letzterer fehlt selbst im Literaturverzeichnis der Arbeit.

Eine neuerliche Prüfung der Arbeit an der Uni Salzburg sei zwar nicht rechtlich zwingend, aber möglich, erklärt Stefan Weber auf Nachfrage der TT. Er hat seine Untersuchung an den Rektor der Uni weitergeleitet. (jole)