Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 20.02.2019


Kulturpolitik

Bohrlöcher, die beunruhigen

Adolf Hitler hoch zu Ross in Mosaik hing zwischen 1938 und 1945 die Aula der Innsbrucker Universität. Der verdrängte Schandfleck soll nun zum Mahnmal werden.

Der einzige konkrete Beweis für das Mosaik von Adolf Hitler als Bannerträger in der Aula der Innsbrucker Universität ist dieses zwischen 1938 und 1945 entstandene Foto von Richard Müller.

© Stadtarchiv InnsbruckDer einzige konkrete Beweis für das Mosaik von Adolf Hitler als Bannerträger in der Aula der Innsbrucker Universität ist dieses zwischen 1938 und 1945 entstandene Foto von Richard Müller.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Am Beginn des Jahres, in dem die Innsbrucker Universität ihren 350. Geburtstag feiert, erinnert sie sich auch an bisher weitgehend verdrängte Episoden ihrer Geschichte. Etwa ihre braune Vergangenheit. Bild gewordener Beweis dieser Sympathien mit der Ideologie des Nationalsozialismus ist das rund 150 x 150 Zentimeter große Mosaik, das der damalige Rektor der Universität, Harold Steinacker, 1938 in Auftrag gegeben hat.

Es zeigt, in Anlehnung an Hubert Lanzingers 1933/34 gemalten „Bannerträger“, Adolf Hitler als geharnischten Reiter mit der Hakenkreuzfahne in der Rechten. War für Steinacker Lanzingers Werk doch ein Bild, „das mehr noch als seiner (Hitlers) Person seiner Idee gilt. Und das auch kommenden Geschlechtern etwas vom Geheimnis der Größe zu sagen haben wird.“ (Zitat aus Steinackers Rede anlässlich Hitlers 50. Geburtstag.)

Das aus unregelmäßigen farbigen Glasmosaiksteinchen in der Tiroler Glasmalereianstalt hergestellte Werk war – wie Rechnungen belegen – im September 1938 fertig und wurde an der Stirnwand der universitären Aula eingesetzt. Als „Anerkennung für Ihre menschliche und künstlerische Haltung in einem nun glücklich überwundenen Zeitalter“ wurde Lanzinger im November 1938 die Ehrenmitgliedschaft der Universität verliehen, wie Sybill­e Moser-Ernst im Buch „Kunst :: Wissenschaft. Eine flächenübergreifende Untersuchung am Beispiel der Universität Innsbruck“ schreibt.

Nach dem Krieg wurde das Mosaik abgeschlagen und die Wand neutral verputzt, bevor 1947 an derselben Stelle ein­e Kartusche mit dem Wahlspruch der CV-Verbindung Austria, „In Veritate Libertas“, angebracht wurde.

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72 Jahre sind seither ins Land gezogen, in denen über das ehemalige Darunter der Mantel des Schweigens gebreitet worden ist. Viele, die in der NS-Zeit und auch danach an der Universität lehrten, wollten sich wohl nicht erinnern. Gemunkelt wurde allerdings immer wieder über das verschwundene Hitler-Bild, skurrilste Vermutungen gestreut, doch selbst 1988, anlässlich der Aufarbeitung der Geschichte der geisteswissenschaftlichen Fakultät, kam die ganze Wahrheit über das Mosaik nicht zutage. Bis im vorigen Jahr ganz zufällig im Innsbrucker Stadtarchiv ein von Richard Müller während der NS-Zeit gemachtes Foto der Aula samt Mosaik aufgetaucht ist.

Mit dem Segen von Rektor Tilman Märk haben nun Sybill­e Moser, Professorin am Institut für Kunstgeschichte, und Dirk Rupnow, Dekan der Geisteswissenschaften, Initiativen gesetzt, die die Causa endgültig klären sollen. Um etwa zu erkunden, ob etwas bzw. wie viel vom Mosaik noch vorhanden ist, wurden vom Denkmalamt Probebohrungen durchgeführt. Mit dem Befund, dass nur noch Reste vorhanden sind. Die kleinen Bohrfelder bleiben aber ganz bewusst stehen, um durch die Störung der „Banalität des Sichtbaren“ (Sybill­e Moser-Ernst) zu suggerieren, dass hier einmal etwas war. Wodurch in Kombination mit einem nebenan in der Aula angebrachten Text die durchlöcherte Kartusche zu einem Mahnmal wird. Dazu da, um zu beunruhigen.