Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 22.07.2019


1929—2019

Ágnes Heller: Die “Philosophin der Freiheit“ ist tot

Die „Philosophin der Freiheit“ hätte im August das Forum Alpbach eröffnen sollen. Am Freitag starb Ágnes Heller im Alter von 90 Jahren.

Ágnes Heller war Ehrendoktorin der Universität Innsbruck. Die gebürtige Ungarin zählte zu den renommiertesten Philosophinnen der Gegenwart.

© imago stock&peopleÁgnes Heller war Ehrendoktorin der Universität Innsbruck. Die gebürtige Ungarin zählte zu den renommiertesten Philosophinnen der Gegenwart.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Am 13. Mai dieses Jahres hielt Ágnes Heller einen Vortrag an der Universität Innsbruck. Und schon bald wäre die große Philosophin nach Tirol zurückgekehrt: Am 18. August hätte sie die Eröffnungsrede des heurigen Forum Alpbach zum Thema „Freiheit und Sicherheit“ halten sollen. Dazu wird es nicht mehr kommen.

Am Freitag ist Ágnes Heller im Alter von 90 Jahren gestorben. Heller machte gerade Urlaub im ungarischen Plattensee-Bad Balatonalmádi. Laut Augenzeugen soll sie in den See hinausgeschwommen und nicht mehr zurückgekehrt sein. Sie starb in jenem Land, in dem sie 1929 geboren und als Heranwachsende verfolgt und mehrmals beinahe getötet wurde. Durch geistesgegenwärtiges Handeln ihrer Mutter und – wie sie selbst sagte – durch „schieres Glück“ gelang es Heller, die jüdischer Herkunft war, der Deportatio­n ins Konzentrationslager zu entgehen. Ihr Vater wurde 1944 in Auschwitz umgebracht. Ágnes Heller selbst entkam noch im Herbst 1944 auf beinahe wundersame Weise einem Erschießungskommando der faschistischen Pfeilkreuzler am Budapester Donauufer.

Nach dem Krieg studierte Heller zunächst Physik und Chemie. Nach einem Vortrag des Philosophen Geor­g Lukács wurde sie dessen Schülerin. 1955 promovierte sie bei Lukács – und wurde dessen Assistentin. Nach jahrelanger politischer Unterdrückung und Drangsalierung in Ungarn emigrierte sie Ende der 1970er-Jahre nach Australien, wo sie an der Universität Melbourne von 1978 bis 1983 Professorin für Soziologie war. 1986 wurde sie auf den renommierten Hannah-­Arendt-Lehrstuhl der New York School for Socia­l Research berufen.

Erst nach ihrer Emeritierung kehrte sie wieder regelmäßig nach Ungarn zurück, wo sie sich zuletzt lautstark gegen die Politik von Ministerpräsident Viktor Orbán positionierte. Orbán, so Helle­r 2013 in einem Interview mit der Zeit, sei ein Diktator, „aber Ungarn ist keine Diktatur“.

Hellers Denken kreiste um den Begriff der Freiheit, sie beschäftigte sich mit dem Leben in der Moderne, legte eine Theorie der Bedürfnisse und kürzlich – äußerst lesenswerte – Studien über Vorurteile und Humor vor. 2015 hatte die Universität Innsbruck Ágne­s Heller für ihre hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen die Ehrendoktorwürde der Philosophie verliehen. Eine von zahllosen Ehrungen, erst vor wenigen Wochen wurde ihr der Nietzsche-Preis zugesprochen.

el)




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