Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 09.09.2019


Innsbruck-Land

Tiroler Volksschauspiele Telfs am Scheideweg

Die Tiroler Volksschauspiele Telfs vermeldeten heuer Rekordzahlen. Trotzdem soll künftig alles anders werden. Land und Marktgemeinde arbeiten an einer radikalen Neuorganisation.

Mit „Verkaufte Heimat“ gelang den Tiroler Volksschauspielen heuer ein Kassenschlager.

© EggerMit „Verkaufte Heimat“ gelang den Tiroler Volksschauspielen heuer ein Kassenschlager.



Von Joachim Leitner

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Telfs – „Mit Vorfreude blicken wir auf das nächste Jahr.“ So verabschiedete sich das Team der Tiroler Volksschauspiele Anfang vergangener Woche via Mail von der interessierten Öffentlichkeit. Der beigefügte Schlussbericht wies für das traditionsreiche Festival Rekordzahlen aus. Allein „Verkaufte Heimat – Das Gedächtnis der Häuser“, mit 50 Darstellern und beinahe ebenso vielen Mitarbeitern hinter der Bühne eine der größten Produktionen der Festivalgeschichte, lockte rund 12.000 Zuschauer in die abrissreife Südtiroler Siedlung. Alle 26 Vorstellungen waren ausverkauft. Erstmals seit langer Zeit wurde die Produktion fürs Fernsehen dokumentiert. Sowohl der ORF als auch die Bozner RAI und der Bayerische Rundfunk werden die Aufzeichnung in den kommenden Wochen ausstrahlen. Trotzdem dürfte es mit der Vorfreude auf die kommende Spielzeit bei den Mitgliedern des Vereins Tiroler Volksschauspiele nicht weit her sein. Denn sie werden wohl schon 2020 keine Rolle mehr spielen. Jedenfalls keine tragende. Mit heutigem Stand kann man davon ausgehen, dass der Verein, dessen Vorstand neben Obmann Markus Völlenklee unter anderem Dramatiker Felix Mitterer, die Regisseure Klaus Rohrmoser und Susi Weber und Bühnenbildner Karl-Heinz Steck angehören, in den kommenden Monaten aufgelöst wird.

Dass Christian Härting, Bürgermeister der Marktgemeinde Telfs, in Abstimmung mit der Landesregierung eine Neuorganisation der Volksschauspiele anstrebt, ist bekannt. Bereits 2018 hat sich die Gemeinde die Marke „Tiroler Volksschauspiele“ schützen lassen. Dem Vernehmen nach ohne Rücksprache mit dem Verein Tiroler Volksschauspiele. Spätestens zu diesem Zeitpunkt begannen in Telfs auch intensive Überlegungen über die Zukunft von Tirols namhaftestem Theaterfestival. Dieses soll – wie es in einer Stellungnahme von Kulturlandesrätin Beate Palfrader heißt – „zukunftsfit“ gemacht werden.

Konkret geht es um die Gründung einer GmbH. „Ich wurde gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, in den Beirat der Gesellschaft zu gehen“, sagt Andreas Braun, langjähriger Chef der Tirol-Werbung, auf Anfrage der TT. Das müsse er sich zwar noch gut überlegen, weil er sich „in den letzten Jahren vom Theater entfernt“ habe. Die Notwendigkeit, die Volksschauspiele auf neue Beine zu stellen, sehe er aber. „Dabei geht es nicht um Neu gegen Alt, sondern schlicht darum, das Potenzial des Festivals bestmöglich zu nutzen“, so Braun.

Auch die Zusammenarbeit mit dem ORF Tirol soll im Zuge der Neuaufstellung intensiviert werden. Vom Innsbrucker Rennweg dürfte also ein weiteres Mitglied in den neuen Telfer Beirat entsandt werden. Auch Beiräte mit Theatererfahrung soll es geben. Hier wurde zuletzt immer wieder Gregor Bloéb ins Spiel gebracht, der bereits im Juni im TT-Gespräch bestätigte, dass er um eine Einschätzung der Situation der Volksschauspiele gebeten wurde.

Karl Gostner, Obmann des Innsbruck Tourismus, bestätigt gegenüber der TT seine Bereitschaft, Mitglied des Beirats zu werden. 2019 steuerte der Tourismusverband 25.000 Euro zum Gesamtbudget der Volksschauspiele bei. Eine Erhöhung der Zuwendung im Zuge der Neuaufstellung sei „alles andere als unwahrscheinlich“, so Gostner.

Insgesamt verfügten die Volksschauspiele 2019 über ein Budget von rund 800.000 Euro. Etwa 180.000 Euro davon stammen von der Gemeinde. 2018 knüpfte diese ihre Subventionszusage an die Bedingung, dass Ruth Haas, Telfer Referatsleiterin für Wirtschaft und Kultur, künftig an den Vorstandssitzungen teilnehmen soll. Diesem Wunsch kam der Verein nach. Obwohl Obmann Völlenklee kaum Zweifel daran ließ, was er von dieser Form der Kontrolle hielt.

Das Land fördert die Volksschauspiele mit rund 160.000 Euro. Weitere 100.000 Euro steuert bislang der Bund bei. Im Zuge der Neuorganisation dürften die Fördermittel erhöht werden, denn es gilt, neue Verantwortliche für das Festival zu finden. Die künstlerische Leitung der „Volksschauspiele neu“ wird ausgeschrieben – und soll von einer Expertenkommission gefunden werden. Einen neuen kaufmännischen Leiter bestellt die Gemeinde. Für Silvia Wechselberger, seit den Anfängen der Volksschauspiele vor 38 Jahren organisatorische „Seele“ des Festivals, heißt das wohl Abschied nehmen. Für eine Stellungnahme stand bislang kein Mitglied des Vereins zur Verfügung. Auch Bürgermeister Härting will „ungelegte Eier“ nicht kommentieren – kündigt aber für die kommenden Tage „eine offizielle Bekanntgabe“ an.

Dass bereits die nächsten Volksschauspiele von einem neuen Team verantwortet werden, gilt als ausgemacht. Sie sei zuversichtlich, „dass eine Neuorganisation für 2020 auf den Weg gebracht wird“, sagt Kulturlandesrätin Beate Palfrader. Ob es dann bereits einen Intendanten oder eine Intendantin in Telfs geben wird, ist fraglich. Programmatisch ist derzeit eine Fortsetzung der „Verkauften Heimat“ angedacht, in der es um die Südtiroler Feuernacht 1961 gehen soll. Gewissermaßen als „Übergangsproduktion“.