Letztes Update am Di, 08.10.2013 16:36

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kulturpolitik

Gezielte Heimattümelei

Besonders auch die Verflechtung zwischen Politik und Volkskulturverbänden bedarf in den Augen des Historikers Michael Wedekind einer Revision. Das Land richtet einen Förderschwerpunkt ein.



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Sepp Tanzer und seine selbst bei der Benennung einer Landesmusikschule im Jahr 2008 geflissentlich „übersehene“ NS-Vergangenheit als Gaumusikleiter sind zu einem Fallbeispiel für den Umgang des offiziellen Tirol mit dem braunen Erbe im Bereich der Volkskultur geworden. Wenig überraschend werden im Gutachten des Historikers Michael Wedekind zum Stand der wissenschaftlichen Forschung über Tiroler Volkskultur in der Zeit des Nationalsozialismus und darüber hinaus auch andere Fälle genannt, in denen die Pflege von Brauchtum und Volkskultur nach dem Zweiten Weltkrieg beinahe nahtlos von eben jenen Protagonisten fortgeführt wurde, die auch in der Zeit des Nationalsozialismus an ganz zentralen Stellen schalteten und walteten. Jener von Karl Horak (1908–1992) zum Beispiel: Als Mitglied der NSDAP und des NS-Lehrerbundes war der Volkskundler mit zahlreichen Positionen im Bereich des Tiroler Volksmusik-Tanzwesens betraut, außerdem Mitarbeiter der Kulturkommission Südtirol des SS-Ahnenerbes, schließlich auch Leiter des Tiroler Volksliedarchivs – und in der Zweiten Republik mehrfach öffentlich geehrt.

Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt ist die Rolle von Gertrud Pesendorfer, während der NS-Zeit als Leiterin der „Mittelstelle Deutsche Tracht“ tätig: Sowohl zu Person als auch Institution fehle laut Wedekind „bis heute eine monographische Darstellung“. Wedekind, der dem bisherigen Forschungsstand in Tirol trotz allem kein allzu schlechtes Zeugnis ausstellt, empfiehlt resümierend aber dennoch weniger eine Anei­nanderreihung neuer, kritischer Biografien. Sondern vielmehr eine Gesamtdarstellung im Rahmen eines Langzeitforschungsprojektes mit einer „wissenschaftlichen Gesamtkoordination“.

Ob es eine solche geben wird, ist jedoch fraglich, Geld für Forschung soll künftig jedenfalls bereitstehen: Das vom Land in Auftrag gegebene Gutachten wurde am Freitag auf der Landeshomepage (www.tirol.gv.at/kunst-kultur/abteilung-kultur/) veröffentlicht. Begleitet von einer Aussendung von Kulturlandesrätin Beate Palfrader, in der sie einen „Förderungsschwerpunkt zur Erinnerungskultur“, dotiert ab 2014 mit 100.000 Euro, ankündigt. Bis Ende des Jahres sollen eigene Förderungsrichtlinien erarbeitet, schließlich ein Beirat einberufen werden, dem auch Mitglieder aus Südtirol angehören sollen. Man will mit den Kollegen aus Südtirol an einem Strang ziehen. Und man will, so Benedikt Erhard von der Landeskulturabteilung, „die Fachwelt dazu einladen, Projekte zu formulieren und einzureichen“. Man wollte, jedenfalls am Freitag, das Wedekind-Gutachten aber nicht näher diskutieren. Mit dem Verfasser selbst war vorab vereinbart worden, dass die Kommunikation dem Land vorbehalten bleibt.

Die Analyse Wedekinds jedenfalls reißt ein weites Feld auf: Von Volkskulturverbänden, die, so Wedekind, „namhaften Anteil an Mythisierung und Idealisierung nationalsozialistisch belasteter Künstler haben“ über die Trachtenverbände als „Träger eines nationalistisch geprägten Wertesystems“ weit über die NS-Zeit hinaus bis hin zur Kulturpolitik, die – als Subventions- und Auftraggeber – die so genannte „Elitenkontinuität“ nach 1945 weit mehr als nur begünstigt hat. Als ein „gewichtiges Forschungsdesiderat“ bezeichnet das Gutachten wohl nicht nur deshalb die „Verflechtungen zwischen politischen Akteuren und den (öffentlich bezuschussten) Milieus organisierter Volkskultur“.

Dass Letztere auch heute noch zum heimattümelnden Aufputz politischer Inszenierungen mobilisiert wird, zeigen etwa die Landesfestumzüge, dass Landeshauptmann Günther Platter als Präsident des Blasmusikverbandes fungiert, zeugt wohl am deutlichsten vom attestierten Naheverhältnis. Auch die „gegenwärtige politische Positionselite Tirols“ sehe „in volkskulturellen Manifestationen einen wesentlichen Beitrag zu gesellschaftlichem Zusammenhalt und Stärkung regionaler Identität“, schreibt Wedekind. Und empfiehlt nicht zuletzt auch eine Überarbeitung der Förderkriterien, „die Subventionen deutlicher als bisher“ an eine „Stärkung gesellschaftlicher Solidarität“ und nicht allein an volkskulturellen Ausdruck binden sollten. Geforscht werden könnte aus Sicht des Historikers in vielen Bereichen, auch zu den Protagonisten der Kulturpolitik. Auch dafür wäre vielleicht eine weitere Empfehlung Bedingung: eine Öffnung der Archive, „auch der mit Sperrfrist versehenen zeitgeschichtlichen Bestände“.




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