Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 17.06.2017


Architektur

Innsbrucker Stadtturm: Ein fein geknüpftes Spinnennetz

Die Besteigung des Innsbrucker Stadtturms wird durch die neue Treppe in der Form einer Doppelhelix zum Erlebnis.

© David SchreyerArchitekt Hanno Vogl-Fernheim hat die neue Treppe für den Innsbrucker Stadtturm geplant.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Rund 90.000 sportliche Neugierige treibt es jährlich auf den Innsbrucker Stadtturm, um die großartige Aussicht aus 51 Metern Höhe genießen zu können. Diesem Ansturm wurde die etwa 140 Jahre alte Stahltreppe schon längst nicht mehr gerecht. Wegen ihrer Einläufigkeit und geringen Breite und nicht zuletzt wegen ihrer problematischen Steigungsverhältnisse.

Eine neue Stiege musste her, mit deren Planung der Innsbrucker Architekt Hann­o Vogl-Fernheim beauftragt worden ist. Natürlich in enger Abstimmung mit dem Denkmalamt, ist der 1442 bis 1450 an das alte Innsbrucker Rathaus angebaute und 1560 mit einem Renaissance-Zwiebelhelm versehene Stadtturm doch eines der Wahrzeichen von Innsbruck. Von 1529 bis 1967 Tag und Nacht von einem ganz oben im Turm wohnenden Türmer bzw. einer Türmerin bewacht, der/die die Aufgabe hatte, die Stunden auszurufen und die Bevölkerung vor Feuer und anderen Gefahren zu warnen.

Dem Einbau der neuen Treppe gingen sanfte Restaurierungsarbeiten des Stadtturms voran. Die Dächer wurden ausgebessert, die aus Höttinger Breccie gebauten Fassaden gereinigt und restauriert genauso wie die inneren Mauern des Turmes, dessen unterer Teil im Mittelalter als Stadtgefängnis diente, woran noch heute die in den ersten beiden Geschoßen vergitterten Fenster erinnern. Dieser Bereich wurde von diversen späteren Einbauten befreit und gekalkt, während oben das steinerne Mauerwerk freigelegt wurde. Um auf diese Weise die Architektur des Turms nun erstmals pur erlebbar zu machen.

Die Vision, den Innsbrucker Stadtturm neben einer Treppe durch einen Lift barrierefrei zu erschließen, stellte sich angesichts der räumlichen Enge schon bald als unrealisierbar dar. Eine deutliche Verbesserung der bisherigen Situation bringt die neue Treppe aber insofern, dass nun zwei identische Wendeltreppen in der Form einer Doppelhelix ineinander verschlungen sind. Wobei je eine der Treppen für die auf den Stadtturm Hinaufgehenden bzw. Hinuntergehenden reserviert ist.

Gebaut wurden die Treppen aus 70 Zentimeter breitem, gekantetem und gerolltem schwarzen Stahlblech, wobei der räumlichen Enge wegen die einzelnen Stufen vor Ort zusammengeschweißt werden mussten. Alle 16 bis 19 Stufen gibt ist eine kleine Plattform zum Schauen und Ausrasten. Im Mauerwerk des Turms sind die Treppen durch ausbetonierte Rohre verankert, wodurch die Konstruktion zu einer riesigen Skulptur mit einem Durchmesser von 3,40 Metern wird, die wie ein Spinnennetz frei im sich nach unten leicht verengenden Turm zu hängen scheint. Stimmungsvoll ins Licht gesetzt durch in den Turmecken angebrachte Leuchten.

In 51 Metern Höhe erreicht der Turmbezwinger mehr oder weniger atemlos eine kreisrunde Plattform aus Panzerglas, die zu betreten eine kleine Mutprobe ist, ist der Blick von hier nach unten doch absolut offen, aber wunderschön anzuschauen, wie sich die Konstruktion hier elegant nach unten wendelt. In ihrer sich scheinbar verjüngenden Rundung akzentuiert durch einen Handlauf aus Stahl, der zu leuchten scheint.

Eine Treppe dieser Art zu konstruieren, stellte eine große Herausforderung an Architekt Hanno Vogl-Fernheim und den Tragwerksplaner Alfred Brunnsteiner dar. Basis ihrer Planung war ein exaktes 3D-Modell des Turms, an dem die beiden lange tüftelten. Mit dem Ziel, eine Doppelhelix zu realisieren, die ganz ohne mittige Spindel auskommt, um auf diese Weise ein Raumgefühl erlebbar zu machen, das fast noch besser ist als die fabelhafte Aussicht vom Turm.