Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 28.06.2017


Architektur

Labor einer Zukunft von gestern

In Eritreas Hauptstadt Asmara ist die Architektur der faschistischen Kolonialregierung allgegen­wärtig: Ein Team der Uni Innsbruck hat die modernen Stadtfantasien von einst untersucht.

© Peter Volgger Blick über die Dächer der eritreischen Hauptstadt.



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Einmal im Jahr braust der Giro d’Eritrea durchs Land. Der Radsport wird am Horn von Afrika großgeschrieben, hierhergebracht haben ihn die italienischen Besatzer: Eritrea war von 1890 bis 1941 italienische Kolonie – und nicht nur das seit 1946 stattfindende Straßenradrennen ist zweifellos eine Hinterlassenschaft dieser Zeit. In Eritreas Hauptstadt Asmara kann die Italianità aber auch in Gestalt eines alten Fiat Cinquecento um die Straßenecke biegen, hält sich in der Bar des Cinema Roma, an der 1938 im Stil des Futurismus erbauten Fiat Tagliero Tankstelle oder an anderen architektonischen Erbstücken der Fremdherrschaft auf.

Futuristische italienische Kolonialarchitektur der 1930er Jahre: Fiat Tagliero Tankstelle in Asmara, erbaut 1938.
- Peter Volgger

Asmara ist unter Architekturkennern als eine Art El Dorado modernistischer Architektur berüchtigt, entstanden ist selbige in der Zeit der faschistischen Kolonialregierung. Zwischen 1935 und 1941 baute diese die auf einem Hochplateau liegende Stadt zum zentralen Sitz der Ostafrika-Kolonie aus. Heute findet sich im Zentrum von Asmara eines der weltweit größten geschlossenen Ensembles der Architektur der klassischen Moderne. Eine Aufnahme ins Weltkulturerbe steht zur Diskussion. Gleichzeitig steht der Verfall zu befürchten. 30 Jahre lang (1961–91) stand Eritrea im Unabhängigkeitskrieg mit Äthiopien, seit der Unabhängigkeit 1993 herrscht im Land ein eisernes totalitäres Regime (siehe Artikel unten).

Zur prekären Gegenwart des Landes steht Asmaras Ruf als „Zeitkapsel des Dolce Vita der 1930er-Jahre“ in krassem Widerspruch. Für ein Forscherteam der Architekturfakultät der Universität Innsbruck greift diese Sichtweise aber auch aus anderen Gründen zu kurz: Man wollte, sagt Projektleiter Peter Volgger, bei der Untersuchung der „vielen Schichten von ‚Bella Asmara‘“ auch politische, soziale, postkoloniale Aspekte beleuchten. Die koloniale Architektur ist auch eine Strategie der Aneignung bzw. Ausgrenzung. Volgger: „Wir wollten auch wissen, welche Rolle die Architektur heute für die Menschen vor Ort spielt.“ Die Träume, aber auch Albträume der „schlafenden Schönen“, als die „Bella Asmara“ gerne bezeichnet wird, sollen auch in der geplanten Publikation „Asmara. Colonial City and Postcolonial Experiences“ behandelt werden, zu der eine internationale Autorenschaft beigetragen hat.

Historistischer Eklekzisimus: Opernhaus von Asmara, erbaut 1920, erweitert 1936.
- Peter Volgger

Vor Ort entpuppte sich das durch den Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt mitunter als reichlich abenteuerliche Angelegenheit. Der studierte Architekt und Kunsthistoriker Volgger berichtet von der nicht unkomplizierten Einreise, die letztlich mit Touristenvisa gelang, von Überwachungen durch den Geheimdienst, vom schwierigen Zugang zu Archiven: „Wir haben das gesamte Bauarchiv der Stadt Asmara gescannt, den Scanner dafür haben wir in einer Nacht- und Nebelaktion ins Land gebracht.“

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Am Beispiel Asmaras zeige sich außerdem, wie Architekten die Kolonialgebiete als Versuchslaboratorien für ihre hochfliegenden modernistischen Fantasien von den Städten der Zukunft genutzt haben. Insofern ist Asmara auch die Zeitkapsel einer Zukunft von gestern. Das Forscherteam hat sie schichtweise bis in die Gegenwart verfolgt: So genannte „Schwarzpläne“ dokumentieren Bauten zu bestimmten Themen bzw. Typologien, etwa das „hedonistische“ Asmara mit seinen Bars und Hotels.

Im Herbst sollen Asmara-Projekt im Innsbrucker aut präsentiert werden.

Das “Nordkorea Afrikas“

Innsbruck — Vor ziemlich genau einem Jahr hat die 2014 vom UNO-Menschenrechtsrat eingesetzte Untersuchungskommission zu Eritrea zum wiederholten Mal empfohlen, schutzsuchende Eritreer als Flüchtlinge einzustufen. Sklaverei, Folter, außergerichtliche Hinrichtungen, Verschwindenlassen von Menschen und Diskriminierungen: Diese Verbrechen stünden in dem Land im Nordosten Afrikas nach wie vor an der Tagesordnung, ging aus dem Bericht hervor. Die Situation dürfte sich seither kaum geändert haben: In Eritrea herrscht seit der Unabhängigkeit von Äthiopien 1993 ein rigides Militärregime, das Land wird auch als „Nordkorea Afrikas" bezeichnet.

Jeden Monat verlassen laut UNO etwa 5000 Menschen das Land, Eritrea ist hinter dem Bürgerkriegsland Syrien und neben Nigeria und Guinea eines der Hauptherkunftsländer der Bootsflüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa gelangen wollen. 2015 stellten Menschen aus Eritrea auch in Tirol das Gros der aufgegriffenen Migranten, 2016 befand sich das Herkunftsland Eritrea auf Rang sieben. (TT, APA)