Letztes Update am Sa, 23.09.2017 10:09

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Volker Giencke im TT-Interview: Streiter für konkrete Utopien

Der Architekt Volker Giencke bekommt am kommenden Montag den Tiroler Landespreis für Kunst 2017. Nicht zuletzt für die Gründung des ./studio3 an der Innsbrucker Universität.

© Giencke & Company23 Jahre lang hat Volker Giencke an der Innsbrucker Architekturfakultät Architektur gelehrt.



Sie bekommen am Montag den Tiroler Landespreis für Kunst. Ist Architektur Kunst bzw. fühlen Sie sich als Künstler?

Volker Giencke: Das meiste, was so gebaut wird, hat mit Kunst natürlich überhaupt nichts zu tun. Aber der künstlerische Anspruch sollte der Architektur immanent sein und in diesem Sinn fühle ich mich schon als Künstler.

Sie haben 23 Jahre an der Innsbrucker Universität Architektur gelehrt. Viele Ihrer ehemaligen Schüler und Mitarbeiter meinen, schon allein deswegen gebühre Ihnen der Preis.

Giencke: Ich sehe den Preis ja auch weniger für mich als Person als für das von mir gegründete ./studio3. Institut für Experimentelle Architektur und sein Wirken weit über die Lehre hinaus. Stellvertretend möchte ich da den Entwurf und Bau des Innsbrucker bilding nennen.

Was unterscheidet das ./studio3 von „normalen“ universitären Instituten?

Giencke: Mir ging es darum, den verloren gegangenen künstlerischen Anspruch wieder als wesentlichen Faktor in die Architekturausbildung zu implementieren. Zu beweisen, dass eine gezielte Förderung von künstlerisch engagierten Studenten auch an einer Massenuniversität möglich ist. Was österreichweit einmalig war und auch international nur selten zu finden ist. Und darauf bin ich schon sehr stolz.

Wie geht es nun mit dem .studio3 weiter?

Giencke: Ja, das ist die Frage. Was daraus wird, kann und will ich gar nicht beeinflussen. Mein ./studio3 gehört aber sicher der Vergangenheit an.

Sie waren aber auch einer jener Architekturlehrer, die selbst bauen.

Giencke: Das halte ich für sehr wichtig. Es war auch immer der Auftrag an meine Mitarbeiter, zu versuchen, selbst Architektur zu machen. Denn man kann nicht Architektur lehren, wenn man sie selbst nicht macht.

Ihre Kritiker sagen allerdings, dass Sie den zukünftigen Architekten Flausen in den Kopf gesetzt haben auf Kosten des Handwerks des Architektur-Machens.

Giencke: Diesen Vorwurf lasse ich auf mir nicht sitzen. Ich kann behaupten, dass kaum ein Institut im deutschsprachigen Raum den Hochbau so exzessiv betrieben hat wie wir. Und nur das rein technische Beherrschen des Handwerks ist für das Machen von Architektur entschieden zu wenig. Da möchte ich mein Schlagwort von der „konkreten Utopie“ einbringen. Ich möchte zwei Schritte vorwärts denken, um einen rückwärts gehen zu können.

Eine dieser „konkreten Utopien“ fand Ausdruck in der Ausstellung im Innsbrucker aut, mit der Sie sich 2015 von Innsbruck verabschiedet haben.

Giencke: Ich wollte hier zeigen, dass man einen Ort völlig verändern kann, auch wenn er, wie der welzenbacherische des aut, ganz klar definiert ist. Mein Denken wird durch das beeinflusst, was ich sehe. Allerdings mag ich nicht, wenn zu viel in Architektur hineininterpretiert wird, um etwa aus einer banalen Kiste großartige Architektur zu machen.

Es gibt aber auch sehr subtil gemachte Kisten.

Giencke: Es gibt natürlich Kisten, die Architektur sind, die meisten sind aber so ziemlich das Schrecklichste, was ich mir vorstellen kann.

Sie gelten als Visionär in der Architektur.

Giencke: Seit meinen Anfängen bei Günther Domenig fühle ich mich diesem Anspruch verpflichtet und mit diesem Bazillus hab ich gottlob auch meine Mitarbeiter am .studio3 infiziert.

Architektur hat aber sehr viel mit Menschen zu tun.

Giencke: Ich geh da noch weiter. Die Architektur, die sich wirklich bemüht, muss für den sozial schwachen oder kranken Menschen bauen, und zwar mit den besten Mitteln, die es gibt.

Wie sehen Sie die Zukunft der Architektur?

Giencke: Es kann nicht so sein, dass die Cloud beurteilt, ob ein Objekt gut oder schlecht ist. Dann stellt sich die Frage nach dem Guten und Schönen überhaupt nicht mehr. Und das muss verhindert werden.

Sie haben den Auftrag für viele Ihrer realisierten Projekte über Wettbewerbe bekommen. Ist es aber nicht so, dass Wettbewerbe eigentlich der Tod des Außergewöhnlichen sind, weil stattdessen Kompromisskandidaten zum Zug kommen?

Giencke: Das hat damit zu tun, dass heute Juryentscheidungen über eine Art Notenvergabe zustande kommen. Für mich sind Wettbewerbe aber generell nicht das Allheilmittel. Ich selbst habe mit besseren Projekten Wettbewerbe verloren und mit schlechteren gewonnen. Das Problem sind die Jurys. Hier sollte niemand sitzen, der sich selbst beweisen muss.

Sie haben in aller Welt gebaut, in Tirol aber relativ wenig.

Giencke: Nach anfänglichen schlechten Erfahrungen habe ich den Beschluss gefasst, in dem Land, in dem ich unterrichte, nicht selbst zu bauen.

Was bauen Sie im Moment?

Giencke: Einen Kulturbetrieb in Lettland und einen Vergnügungspark in Baku. Leider kein Krankenhaus, bei dem ich zeigen könnte, wie man das ganz anders und mit viel weniger Geld machen kann.

Das Interview führte Edith Schlocker