Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 07.12.2017


Nachruf

Norbert Heltschl 1919–2017

Als Architekt, Lehrender und kritischer Geist hat er wesentlich zur Entwicklung der Architekturszene in Tirol beigetragen. Norbert Heltschl verstarb im Alter von 98 Jahren.

© TT / Thomas BoehmDer Imster Architekt Norbert Heltschl auf einem Foto aus dem Jahr 2009.Foto: Thomas Böhm



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Architektur, sagte Norbert Heltschl einmal, sei für ihn viel mehr als städtebauliche Gestaltung, sondern auch Umweltgestaltung. Die Umwelt lag ihm auch darüber hinaus am Herzen – sah er sie bedroht, konnte sich der 1919 geborene Imster auch an die vorderste Front der zivilgesellschaftlichen Bekämpfung von Polit-Vorhaben stellen, so wie Anfang der 1980er-Jahre gegen die geplante Schnellstraße durchs Gurgltal.

Das von ihm als Architekt Geplante und Gebaute wiederum wollte Heltschl stets in einem gesamtkünstlerischen Zusammenhang gesehen wissen, die bildende Kunst war ihm nahe und oft integrativer Bestandteil seiner Werke, besonders mit dem Imster Maler August Stimpfl verband ihn nicht nur eine enge Freundschaft, sondern auch eine fruchtbare Zusammenarbeit. Man sieht das nicht zuletzt auch an einem von Heltschls bekanntesten Bauwerken, das wohl wirklich jedem Innsbrucker ein Begriff ist und mindestens jugendliches Freizeit-Paradies war: dem Freibad Tivoli. Das 1958 entworfene Tivoli mit seinem markanten, wie eine Skulptur wirkenden Sprungturm weist Heltschl nicht nur als einen der wenigen Tiroler Architekten aus, die nach dem Zweiten Weltkrieg an internationale Strömungen anzuschließen vermochten, sondern auch als einen Tiroler Pionier des Bauens mit schalreinem Sichtbeton. Das Terrassenhaus in Hötting, Kirchenbauten, Schulen oder auch die Universitätssportstätten Innsbruck zählen zum umfangreichen Œuvre Heltschls. Für Aufsehen sorgte er mit dem Haus Schöpf am Gardasee mit seiner über dem Abgrund hängenden Betonstiege. In Gunglgrün in Imst wiederum hat er sich sein eigenes Refugium geschaffen.

Heltschl, Sohn einer Imsterin und eines englischen Besatzungssoldaten, begann sein Architekturstudium 1941 an der Technischen Hochschule in Stuttgart, wurde zur Luftwaffe einberufen, überlebte einen Einsatz bei Stalingrad schwer verletzt und schloss schließlich 1945 bei Paul Schmitthenner ab. Die von seinem Stuttgarter Lehrer vertretene Heimatschutzarchitektur interessierte den Tiroler allerdings nicht weiter, ihm hatte es die klassische Moderne angetan, als prägende Vorbilder nannte er stets Frank Lloyd Wright, Richard Neutra und ganz besonders Le Corbusier.

Am Dienstagabend ist Norbert Heltschl im Alter von 98 Jahren verstorben. Er wird in Tirol nicht allein als Schöpfer zahlreicher Bauten in Erinnerung bleiben. Wenn heute wie so oft von der hohen Tiroler Wettbewerbskultur gesprochen wird, müsste im selben Atemzug eigentlich auch Heltschls Name genannt werden. In seinen Funktionen u. a. als Präsident der Zentralvereinigung der Architektinnen und Architekten Tirol und als Vorstandsmitglied der Ingenieurskammer hat er sich früh gegen die technokratische und für eine durch Wettbewerbe kultivierte Baukultur starkgemacht. Eine besondere Rolle kommt Heltschl auch als Lehrendem an der Innsbrucker HTL zu, wie auch zahlreiche seiner Schüler von Heinz Tesar bis zu Marta Schreieck stets bekräftigen. Als Architekt mit seinem eigenen kleinen Büro selbstständig gemacht hatte sich Heltschl 1952 – mit seiner Frau Maria, die er als Architekturstudentin kennen gelernt hatte, an seiner Seite.