Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 03.01.2018


Architektur

Wo die Gedanken wohnen

Schon vor einigen Jahren ist ein Grundstück an einem Waldrand in Mösern bei Seefeld zum außergewöhnlichen Kunstort geworden. Hier steht das „Ferienhaus T.“ des deutschen Bildhauers Thomas Schütte. Ein Hausbesuch.

© Thomas Boehm / TTDas Haus steht auf einem Sockel an einem Waldrand in Mösern.



Von Ivona Jelcic

Mösern – Von der Straße aus ist von diesem Ort nichts zu erahnen. Es geht ein paar Meter einen Waldweg hinauf, zurzeit knirscht dort der Schnee unter den Sohlen, ansonsten herrscht fast andächtige Stille. Noch eine Linkskurve, dann fällt der Blick auf eine Fallende: Eric Fischls „Tumbling Woman“ ist die Konfrontation mit dem Unerträglichen. Die Skulptur des US-amerikanischen Künstlers zeigt eine Frau im freien Fall. Sie ist im Gedenken an jene Opfer der Terroranschläge von 9/11 entstanden, die aus dem brennenden World Trade Center in den Tod sprangen. Die Schonungslosigkeit, mit der Fischl die Tragödie zeigt, hatte einst in New York für Kontroversen gesorgt. Der deutsche Galerist Rafael Jablonka zeigte „Tumbling Woman“ zuerst in seiner Kölner „Böhm-Chapel“, der von ihm zum Ort für zeitgenössische Kunst umfunktionierten ehemaligen Pfarrkirche Sankt Ursula des deutschen Kirchenbau-Architekten Gottfried Böhm. Seit Kurzem steht der Bronzeguss vor Thomas Schüttes „Ferienhaus T.“ an einem Waldrand in Mösern bei Seefeld. Es ist ein passender, stiller Ort dafür.

Thomas Schütte ist weltweit renommierter Bildhauer und Zeichner – und gleichzeitig ein Künstler, der sich nicht festlegen lässt. Dafür stehen vor allem auch die Architekturmodelle des mehrfachen Documenta-Teilnehmers und in Venedig für sein Werk mit einem Goldenen Löwen ausgezeichneten Künstlers. Die ersten entstanden 1980, über Jahre hinweg arbeitete der Künstler mit unterschiedlichen Materialien, Maßstäben und Formen, erschuf Architekturen mehr als doppelbödige Denk­räume denn als Skulpturen. So auch eine Reihe von „Ferien­häusern für Terroristen“ im Maßstab 1:20. Eine Fülle von verstörenden Fragen wohnte darin: Brauchen Terroristen Ferien? Oder ist der Rückzugsort vielleicht doch auch einer vor vereinnahmenden Ideologien? Schütte, wie gesagt, lässt sich ungern festlegen, gibt seinen Häusern schon gar keine Denkanleitung mit auf dem Weg. Aber er erschafft Räume – zum Beispiel so transparente, dass aus dem vermeintlich verbrecherischen Tun darin erst recht ein Widerspruch wird.

Bau- und Hausherr Rafael Jablonka im "Ferienhaus T."
- Thomas Böhm / TT

Dass aus einem Architekturmodell Schüttes 2012 ausgerechnet in Mösern in Tirol, einer Feriengegend also, Realarchitektur geworden ist, geschah auf Betreiben von Rafael Jablonka, für den die Gegend um Seefeld zur zweiten Heimat geworden ist. 2012 wurde das „Ferienhaus T.“ fertig gestellt, wer mag, darf das T. auch für Tirol stehend lesen. Entstanden ist ein privater Kunst-, kein dauerhafter Lebensort – obwohl man sich von ihm kaum mehr trennen mag. „Andere fahren Ferrari“, lacht Jablonka, ihm selbst steht die Freude an diesem „wunderbaren Ort“ ins Gesicht geschrieben. Das „Ferienhaus T.“ schwebt auf einem 80 Zentimeter hohen Sockel über dem Grund, als könnte es auch jederzeit wieder abheben, und ist doch fest hier verankert. Seine Form ist einem Fundstück Schüttes geschuldet, nämlich dem bereits zugeschnittenen Trittbrett für eine Wendeltreppe, ein langgezogenes Fünfeck. Es ist die Basis für ein in seiner ebenso pragmatischen wie sparsamen Funktionalität und ästhetischen Präzision bemerkenswertes Stück Architektur, das eben auch Skulptur und Denkraum ist.

In den mit Lärchenholz ausgestatteten Raum wurde die Feuerstelle aus Beton diagonal gleichsam hineingetrieben und ist eine Skulptur für sich. Der über das Dach hinausragende Kaminturm wiederum wirkt wie der in Kupfer gekleidete Schlot eines Dampfschiffes. Einzig die geplanten farbigen Glaswände, erzählt Jablonka, ließen sich nicht wie ursprünglich geplant realisieren, ihre Funktion übernehmen nun Vorhänge in unterschiedlichen Farben. Man soll sich der Welt durch sie vielleicht auch einmal zum Zweck künstlerischen Schaffens entziehen können. Er könne sich vorstellen, sagt Jablonka, das Haus in Zukunft auch einmal als ein „Haus für Dichter“ zur Verfügung zu stellen.

Lärchenholz und Betonelemente im Inneren: der in die Diagonale gestellte Kamin im "Ferienhaus T." von Thomas Schütte.
- Thomas Böhm