Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 25.05.2018


Architektur

Ein Holzregal auf spiegelndem Grund

Gute Figur macht Österreich bei seinem Auftritt bei der Architekturbiennale in Venedig. Wird hier Raum doch ebenso klug wie atmosphärisch verhandelt.

© Henke Schreieck



Aus Venedig: Edith Schlocker

Venedig – Dass die Österreicher so gut abschneiden, ist auch das Verdienst der Tiroler Architekten Katrin Aste und Frank Ludin (LAAC) sowie Dieter Henke und Marta Schreieck. Sie hat Österreich-Kommissärin Verena Konrad neben dem New Yorker Designerduo Sagmeister & Walsh eingeladen, den Hoffmann-Pavillon in den venezianischen Giardini zu verwandeln. Nicht in einen „Freespace“ im Sinn eines öffentlichen Raums, wie es das Generalthema der Architekturbiennale 2018 nahelegen würde. Denn „für uns bedeutet Freespace Widerstand gegen das Absolute, die Abweichung von der Norm“, so Katrin Aste. Marta Schreieck versteht darunter dagegen Räume, deren Atmosphären mit allen Sinnen erfahrbar sind.

Wobei es bei der gemeinsamen Bespielung eines Raums nie um ein eitles Sich-in-Szene-Setzen gehen kann, sondern um ein Miteinander trotz konträrer Ansätze. Was im Fall von Henke Schreieck so weit ging, dass sie ihr ursprüngliches Konzept komplett fallen gelassen und neu gedacht haben, als sie wussten, dass ihnen die Rolle der eigentlichen „Bauer“ zufällt, während den „Bauplatz“ die LAACs gestalten. Als spiegelnde, nicht nur den Garten, sondern auch das Innere des Pavillons infiltrierende, leicht gewölbte künstliche Landschaft, die bloß auf einen ersten Blick nur schön ist. Ist sie doch höchst verletzlich, wird im Laufe der Zeit schmutzig werden, Schrammen bekommen und je nach Wetter brennend heiß oder kalt sein. Wobei der diese „Landschaft“ Begehende immer zu einem Teil von dieser wird, indem er sich in ihr spiegelt, sich im virtuellen Raum verdoppelt.

Kommissärin Verena Konrad war es wichtig, dass im Österreich-Pavillon nicht über Architektur theoretisiert, sondern Architektur gemacht wird. Diesen Part übernimmt das aus Tirol stammende, von Wien aus ihre Architektur machende Duo Dieter Henke und Marta Schreieck. Sie haben in den Pavillon ein riesiges, durch schmale Stiegen in drei Etagen erschlossenes „Regal“ gestellt, das ein Südtiroler Tischler aus 20 Tonnen Eiche gebaut hat. Um auf diese Weise den an sich streng symmetrisch angelegten Raum komplett zu verwandeln.

Eine Verwandlung, die sich der Besucher aktiv erarbeiten muss. Um mit dem Eindruck unterschiedlichster Atmosphären belohnt zu werden, die sich je nach Standpunkt wandeln. Der linke Teil des Raums wird horizontal erschlossen, spielt schön mit Ausschnitten in die Nachbarschaft, auf Kanäle und in Baumkronen bzw. durch das Glasdach in den bei der gestrigen Eröffnung strahlend blauen Himmel.

Komplett anders ist dagegen der „Zwilling“ dieses prinzipiell identischen Raums. Nicht zuletzt deshalb, weil er zum größten Teil auf der verspiegelten Landschaft der LAACs steht. Wodurch eine komplett andere Atmosphäre entsteht, dominiert von Vertikalen, die sich scheinbar ins Unendliche fortsetzen. Ein Eindruck, der durch riesige, in den Raum gehängte Fahnen noch befördert wird, die aus 700 Quadratmetern transluzentem weißem Papier gemacht sind.

Was das „Beauty Projekt“ des international umtriebigen New Yorker Designerduos Sagmeister & Walsh auf einer Architekturbiennale verloren hat, ist nicht leicht zu erklären. Es sei eine „Absage an den Funktionalismus“, so der gebürtige Bregenzer Stefan Sagmeister, der in der Schönheit gar einen Faktor für die öffentliche Sicherheit ortet. Bei den zwei Dark Cubes, die die beiden in Venedig bespielen, kann sich der müde Biennale-Besucher auf weiche Sofas werfen und sich über Kopfhörer von dem von Sagmeister und Walsh gemurmelten Manifest über das Schöne berieseln lassen. Und auf schrill bunten, computergenerierten Bildern zuschauen, wie sich das Wort „Beauty“ bzw. „Function“ aus schleimigen oder kugeligen Massen bildet und wieder auflöst, begleitet von nicht immer gustiösen assoziativen Geräuschen.

Die Biennale wird morgen Samstag eröffnet und läuft bis 25. November.

Szenen aus dem Österreich-Pavillon bei der Architekturbiennale. Der Boden als gläserne Landschaft mit Spiegelungseffekten (oben). Auf dem Foto unten ein Teil des 20-Tonnen-Regals aus Eiche.Fotos: Martin Mischkulnig
- LAAC



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