Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 28.05.2018


Architekturbiennale

Gebaute Freiräume und solche im Kopf

Der Schweizer Pavillon ist laut Jury der beste der 65 nationalen Pavillons bei der heurigen Architekturbiennale in Venedig. Das Generalthema „Freespace“ eröffnet Räume sehr realer wie auch wunderbar mentaler Art.

© AFPSchweizer Baunormen werden im Schweizer Pavillon sehr ernst genommen.



Aus Venedig: Edith Schlocker

Venedig – Die Generalthemen von Großveranstaltungen, wie es die venezianische Architekturbiennale ist, lassen immer sehr viel, um nicht zu sagen so ziemlich alles zu. Umso erstaunlicher ist es, dass das von den beiden Biennale-Leiterinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara (Grafton Architects) ausgegebene Motto „Freespace“ zwar ganz unterschiedlich ausgelegt, aber generell sehr ernst genommen wird. Um den Ausstellungsbesucher von einem Freiraum in den nächsten zu entlassen, in mentale ebenso wie in sehr reale.

Ein solcher ist etwa der Schweizer Pavillon, der bei der samstägigen offiziellen Eröffnung dieser alle zwei Jahre opulent inszenierten Nabelschau zeitgenössischen Bauens mit einem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet worden ist. Dass das diesmal so ziemlich der einzige Pavillon ist, bei dem man sich zeitweise lange anstellen muss, um diese sehr spezielle „House Tour“ zu starten, dürfte bei der Preiszuerkennung wohl keine Rolle gespielt haben. Jongliert wird hier jedenfalls auf ebenso verblüffende wie ironische Weise mit Maßstabsverschiebungen, die von Schweizer Baunormen abgeleitet sind.

Sehr ernsthaft geht es dagegen bei den Deutschen zu. Sie haben ihren Pavillon mit Säulen, die auch Mauerfragmente sein könnten, vollgestellt. Die, wie so ziemlich alles, zwei Seiten haben: Im konkreten Fall eine glatte schwarze und eine, die Geschichten erzählt. „Aufgehängt“ an Orten der ehemaligen innerdeutschen Grenze, die nach dem Fall der „Mauer“ zum „Freespace“ wurden. Und was in den vergangenen 28 Jahren in diesem passiert ist, wird im Pavillon erzählt. Und damit das nicht nur zur eitlen Nabelschau mutiert, erzählen nebenan per Video Menschen aus noch immer geteilten Ländern von Korea über Zypern bis Israel von ihren Wünschen nach einem friedlichen Zusammenleben.

Durchaus als Statement vielleicht für die aktuelle Verfasstheit der Briten ist ihr Pavillon zu verstehen. Angesichts der venezianischen Flut an sinnlichen Eindrücken ist er innen angenehm leer und außen eingerüstet. Teil dieses metallenen Gerüsts ist eine zweiläufige Stiege hinauf zu einer riesigen Dachterrasse mit wunderbarem Ausblick weit hinaus auf die Lagune.

Angesichts der venezianischen Hitze ist Kondition hier gefragt, genauso wie bei der Erklimmung des Sonnendecks des ungarischen Pavillons oder auch der Erkletterung der Installation bei den Österreichern. Im australischen Pavillon duftet es dagegen nach Gras, die Russen erregen die Neugierde der Besucher durch schön alte Schließfächer mit Innenleben. Daneben fährt ein Zug durch die tief verschneite russische Taiga von heute.

Im rumänischen Pavillon kann der vom vielen Schauen und alles Verstehen-Wollen langsam müde gewordene Biennale-Besucher neue Energie tanken, indem er schaukelt oder eine Runde Tischtennis spielt. In Finnland bedeutet „Freespace“ offensichtlich die Freiheit im Kopf, weshalb die Finnen ihren Pavillon in eine Bibliothek verwandelt haben. Um gebaute Utopien geht es dagegen im koreanischen Beitrag, darum, was man in Zeiten explodierender Megacitys von kleinstädtischen Strukturen lernen könnte, bei den Iren.

Der Umgang des Menschen mit der Natur bzw. den Ressourcen ist ein Thema, das unter den unterschiedlichsten Vorzeichen immer wieder auftaucht. In der Form eindrucksvoller Visualisierungen etwa im amerikanischen Pavillon oder – im Arsenale – in monumentalen Spiegelkabinetten, in denen der Mensch mehr oder weniger verzerrt mit sich selbst konfrontiert wird.

Hier im Arsenale müssen sich die Ausstellungsmacher besonders anstrengen, um mit der räumlichen Umgebung mithalten zu können. Am besten mit Denkanstößen wunderbar sinnlicher Art, archaisch aufgeladener Exotik, visionären Utopien oder ganz Handfestem, wie etwa dem schlicht aus Bambus „geflochtenen“ Pavillon, den ein vietnamesischer Architekten zum Relaxen im Arsenale aufgestellt hat.

Ein „Goldener Löwe“ für sein Lebenswerk wurde im Rahmen der Eröffnung dem britischen Architekten und Architekturhistoriker Kenneth Frampton überreicht.

Schutz vor Sonne bietet der vom vietnamesischen Architekten Vo Trong Nghia ins Arsenale gebaute „Bamboo Stalactite“.
- AFP