Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 25.06.2018


Architektur

Der reale Luxus-Traum von Raum für alle

Das französische Architektenduo Lacaton & Vassal führt im Innsbrucker aut vor, wie Bauen abseits des Mainstreams funktionieren kann.

© rouaultBeim Bau des Museums FRAC in Dunkerque haben Lacaton & Vassal einen „Doppelgänger“ neben eine alte Werfthalle gestellt.Foto: Philippe Ruault



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Betritt man derzeit das aut, glaubt man sich fast in das Pariser Palais de Tokyo versetzt. Einen der bekanntesten Kulturbauten des französischen Architektenduos Anna Lacaton und Jean-Philippe Vassal, die den 1937 anlässlich der Pariser Weltausstellung eröffneten neoklassizistischen Bau 2012 in einen unprätenziösen Ort für moderne Kunst verwandelt haben. Der bewusst grindig, fast ruinös daherkommt, indem das Bestehende so weit wie möglich erhalten, mit geringen Mitteln adaptiert wurde, ohne die Geschichte des Gebäudes auszulöschen und das vorgegebene Budget zu überschreiten.

Ein Denken von Architektur, das ganz typisch für die beiden Baukünstler ist, die zu den international wichtigsten Vertretern eines pragmatischen und gleichzeitig sozialen Ansatzes im Bauen zählen, indem sie bei dem, was sie tun, sowohl die ökonomischen als auch ökologischen Grundlagen ihres Tuns klug hinterfragen. Wobei ihr zentrales Anliegen ist, besonders im sozialen Wohnbau „den Luxus von Raum für alle“ möglich zu machen. Wenn sie etwa abgewohnte, uniforme Wohnscheiben aus den 60er- und 70er-Jahren, wie sie in aller Welt – und auch in Innsbruck – herumstehen, mit einem verblüffend einfachen Konzept in lebenswerte Orte verwandeln. Indem sie sie nicht nur technisch sanieren, sondern die Fassaden aufbrechen zu einer gläsernen vorgelagerten Raumschicht, die Wintergarten bzw. Balkon ist. Und das alles bei gleich bleibenden Kosten für die Mieter.

Die Ausstellung von Lacaton & Vassal im aut kommt formal ganz leicht daher, ist in Wirklichkeit aber sehr dicht. Um sich auf jede der pro Projekt aufgelegten Mappen bzw. Slide-Shows und Filme einzulassen, kann man einen ganzen Tag verbringen, mit der Erkenntnis, dass Luxus letztlich eine Frage der Definition ist. Wobei es sicher keine schlechte Idee wäre, solche Tage im aut Mitarbeitern gemeinnütziger Wohnträger und Politikern sozusagen als „Weiterbildung“ zu verordnen.

Wobei natürlich nicht alles, was Lacaton & Vassal vorexerzieren, unter klimatisch anderen Bedingungen auch möglich wäre. Sehr wohl die international beachtete Reihenhaussiedlung Cité Manifeste in Mulhouse, die wie auf betonierten Sockeln errichtete Glashäuser funktioniert. Nur zwei Drittel des Bauvolumens sind thermisch isoliert, der Wohnraum, der doppelt so groß ist wie im „normalen“ sozialen Wohnbau, lässt den Bewohnern breiten Spielraum bei individueller Aneignung und somit Identifikation mit diesem zu.

Als Weiterführung eines Konzepts, mit dem das Architektenduo bereits 1993 mit ihrem ersten Einfamilienhausprojekt für Aufsehen sorgte. Indem sie als erweiterten Lebensraum eine Gewächshauskonstruktion über einen schlichten Holzkörper stülpten. 55.000 Euro hat dieses Haus gekostet, und das bei einer Nutzfläche von 185 Quadratmetern.