Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 18.09.2018


Exklusiv

,,Grottenbad“: Ein Baum fällt eine Architektur-Ikone

Ein Baum, der auf die Kuppel von Josef Lackners „Grottenbad“ gefallen ist, verwandelt dieses architektonische Kleinod in einen Trümmerhaufen. „Kulturschande“ für die einen, ein „glücklicher Zufall“ für die anderen.

Das 1969/70 von Josef Lackner an das Haus von Paul Flora auf der Innsbrucker Hungerburg angebaute, von sieben Lichtkuppeln überwölbte „Grottenbad“ ist seit vergangenem Freitag ein Trümmerhaufen.

© SchlockerDas 1969/70 von Josef Lackner an das Haus von Paul Flora auf der Innsbrucker Hungerburg angebaute, von sieben Lichtkuppeln überwölbte „Grottenbad“ ist seit vergangenem Freitag ein Trümmerhaufen.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Es ging alles sehr schnell am vergangenen Freitag: Scheinbar, um zu verhindern, dass ein am Rand des Grundstücks der Flora-Villa auf der Hungerburg stehender großer Baum in Richtung eines Wohnhauses stürzt, wurde seine Fallrichtung geändert. Mit der Konsequenz, dass der Baum exakt auf die oberirdische Kuppel des von Josef Lackner 1969/70 an das Wohnhaus von Paul Flora angedockte, wunderbar geschwungene und von sieben Lichtkuppeln überwölbte „Grottenbad“ gefallen ist. Ein Statiker war rasch zur Stelle, und der bereits am Grundstück stehende Schrämmbagger erledigte ratzfatz den Rest. Inklusive das Verfahren einer Unter-Schutz-Stellung des architektonischen Kleinods durch das Bundesdenkmalamt.

Für Arno Ritter, den Leiter des Innsbrucker aut und als solcher Herausgeber der großen Lackner-Monografie, ist die Zerstörung dieser kultur- und architekturhistorischen Ikone der Moderne eine mit nichts zu rechtfertigende „Kulturschande“. Ganz gleich sieht das Architekt Rainer Köberl, der gemeinsam mit der Architekturhistorikerin Bettina Schlorhaufer vor drei Jahren von der Innsbrucker Stadtplanung mit der Erstellung eines Gutachtens zu der 1928 gebauten Flora-Villa inklusive Bad beauftragt wurde. Mit dem Ergebnis, dass das Bad trotz unübersehbarer technischer Schwächen erhaltenswert ist und auch erhalten werden kann. Köberl machte auch Vorschläge für eine sinnvolle Nachnutzung bzw. Verdichtung von Villa wie Bad. Papier, das in irgendeiner städtischen Schublade verschwunden ist.

Für Fritz Schwaighofer, Architekt und Geschäftsführer der Serles Bauträger GesmbH., der 2015, sechs Jahre nach dem Tod Floras, dessen Wohnhaus samt „Grottenbad“ gekauft hat, war dieses allerdings ein „technischer Wahnsinn“ und seiner Meinung nach „absolut unsanierbar“. Weshalb der freitägige Baumfall für ihn so etwas wie „ein glücklicher Zufall“ ist. Kann er wegen der seit Jahren im Raum stehenden Unterschutzstellung von Villa und Bad durch das Bundesdenkmalamt mit dem Grundstück doch nichts anfangen. „Das ist nicht nur lästig, das ist existenzgefährdend“, so Schwaighofer, der hofft, nach der Zerstörung des Bades und dem Abbruchs des laut Denkmalamt architektonisch unbedeutenden Hauses hier ein modernes Mehrfamilienhaus errichten zu können.

Vorher.
Vorher.
- Schlocker

Für Bettina Schlorhaufer typischer Ausdruck „postdemokratischen Verhaltens“. Womit sie meint, dass sich die wirtschaftlichen Eliten ihre eigenen Regeln machen, es allein um ökonomischen Profit geht. „Ich plädiere dafür, dass hier strafrechtlich vorgegangen wird“, so Schlorhaufer. Für Walter Hauser, Tirols oberstem Denkmalschützer, ist der Abbruch des Lackner-Bades durch Schwaighofer zwar „kein Akt der Moral“, auf Grund des aktuellen Verfahrensstandes denkmalrechtlich allerdings nicht unzulässig. Versäumnisse von Seiten des Denkmalamts sieht er nicht, sei die Zusammenarbeit mit Schwaighofer doch immer „sehr konsensorientiert“ gewesen.

Nachdem der Abbruch der Flora-Villa samt Lackner’schem „Grottenbad“ 2015 von der Stadt Innsbruck angezeigt worden war, leitete das Bundesdenkmalamt sofort eine mögliche Unterschutz-Stellung des Ensembles ein. Da die Eigentümer laut Hauser „den nötigen Kultursinn“ erkennen ließen bzw. Konzepte für eine öffentliche Nutzung erstellt wurden, sah das Denkmalamt keinen Grund, wegen Gefahr im Verzug eine vorläufige Unter-Schutz-Stellung aussprechen.

Nach diversen Stellungnahmen wurde im Oktober 2017 das Verfahren fortgesetzt, 2018 eine gutachterliche Äußerung des Denkmalbeirates eingeholt, die seit Juni vorliegt. Die „auf Grund der besonderen Denkmalbedeutung für die Tiroler wie auch österreichische Nachkriegsmoderne bei aller problematischen Bauweise, selbst bei einer notwendigen Nutzungsänderung die Weiterführung des Unterschutzstellungsverfahrens“ empfiehlt. Der Abriss kam dem nun nur wenige Wochen vor dem Abschluss des erstinstanzlichen Verfahrens zuvor.

Niemand wird mehr den Blick durch die Lichtkuppeln des Bads mit seinen 35 Quadratmetern Wasserfläche in die Baumkronen genießen.
Niemand wird mehr den Blick durch die Lichtkuppeln des Bads mit seinen 35 Quadratmetern Wasserfläche in die Baumkronen genießen.
- nikolaus lackner