Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 25.10.2018


Architektur

Dolce Vita in Afrika

Die neue Schau im aut. widmet sich der Instrumentalisierung kolonialer Architektur. Eine eindrückliche Auseinandersetzung mit Asmara.

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© Paul Ott



Innsbruck – In Bozen werden sie – durchaus abwertend – „italienische Lauben“ genannt, jene in der Faschistenzeit errichteten Bauten, welche die zentrale Freiheitsstraße Richtung Siegesplatz säumen. Eine Architektur, kritisch beäugt und im Falle des Platzes gar Auslöser einer politischen Großdiskussion. Dass Architektur kolonialen Erbes aber auch zum positiven Identifikationsfaktor werden kann, zeigen die beiden Südtiroler Stefan Graf und Peter Volgger in einer gemeinsamen Publikation von 2017: Im Falle der Stadt Asmara, in der ehemaligen italienischen Kolonie Eritrea gelegen, wurde die Architektur der italienischen Kolonialzeit instrumentalisiert, gar romantisch verklärt. Sogar die Unesco verpasste einem der größten intakten Stadtkerne der klassischen Moderne samt Ensemble rundherum im Juli 2018 den Titel Weltkulturerbe. Aus Sicht heutiger Forschung eine durchaus umstrittene Entscheidung.

Aber immerhin idealer (wenn auch zufälliger) Aufhänge­r für eine Schau der Architekturwissenschafter, die gestern im Innsbrucker aut. eröffnet wurd­e und die Ergebnisse ihrer Forschung für die breite Öffentlichkeit aufbereitet – anschaulich und doch inhaltlich dicht.

„Asmara – The Sleeping Beauty“ ist dabei ein bewusst gewählter Ausstellungstitel, wird „bella Asmara“ doch als verklärter Mythos entlarvt. Die postkoloniale Realität zeigt: Asmara war Experimentierfeld für Stadtutopien italienischer Kolonialherren, aus dem heute Tourismuspotenzial erwächst, wie die Unesco bestätigt.

Von 1935 bis 1941 entstanden jene Ikonen, die heute für die nicht vorgespielte Dolce-Vita-Mentalität stehen. Die Bedeutungsverschiebung lässt sich anhand des historischen, sozialpolitischen und kulturellen Kontextes untersuchen, den die Schau bietet. Übertragen wurden diese Hintergründ­e mithilfe unterschiedlicher Medien: Die historische Entwicklung wird im oberen Stock anhand von Illustrationen und reichlich Lesestoff abgearbeitet. Das Interview mit einem Fremdenführer in Asmara gibt außerdem Ausblicke in touristische Entwicklungsbestrebungen.

Den Architektur-Ikonen im Stile des Neofuturismo oder des Razionalismo widmet sich der untere Raum – in Modellen, Plänen und Fotografien, gefertigt von Günter Wett und Paul Ott. Die beiden Fotografen hatten zufällig vor ein paar Jahren privat die brüchige Atmosphäre in Asmara dokumentiert.

Erst in diesen eindrücklichen Bilder schaffte es der Besucher, den romantisierenden Blick auf Asmara zu überwinden. So wie es das Projekt schafft, über die Architektur hinaus an die großen Themen der Gegenwart anzuschließen. (bunt)




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