Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 05.01.2019


Innsbruck

Spiegelnder Zwitter aus Dampfer und Segelschiff

Das von LAAC-Architekten geplante Pema 2 samt Freiluftwohnzimmer für die Innsbrucker hat das Zeug zum neuen Wahrzeichen.

Die Freitreppe zum „Lesedeck“ durchkreuzt das raumhohe Schaufenster der neuen Innsbrucker Stadtbibliothek.

© Mark LinsDie Freitreppe zum „Lesedeck“ durchkreuzt das raumhohe Schaufenster der neuen Innsbrucker Stadtbibliothek.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Mit dem Pema 2 hat Innsbruck eine weithin sichtbare Landmark bekommen, die das Zeug zum Wahrzeichen hat. Angelegt von den Innsbrucker LAAC-Architekten Katrin Aste und Frank Ludin als verspiegeltes Chamäleon, das sich von jeder Seite, bei jedem Wetter und jeder Tageszeit komplett anders gibt. Um einmal als mächtiger Dampfer, dann wieder als elegantes Segelschiff mit bauchigem, sich blähendem Segel daherzukommen. Fest verankert durch einen sich die Amraser Straße entlangschlängelnden niedrigen Gebäudeteil.

Katrin Astes und Frank Ludins städtebauliche Idee war es, dass das neue Gebäude sozusagen als Gelenk zwischen den durch den Bahnviadukt geteilten Stadtteilen funktioniert. Als urbanes Signal, das fast wie ein Leuchtturm den Eingang zum Areal des Frachtenbahnhofs markiert, dem zentralen Innsbrucker Stadterwartungsgebiet schlechthin.

Aus rund 8000, einzeln in Alu gefassten, leicht gewölbten gläsernen Elementen ist die Hülle des Wohnturms des Pema 2 gepuzzelt.
Aus rund 8000, einzeln in Alu gefassten, leicht gewölbten gläsernen Elementen ist die Hülle des Wohnturms des Pema 2 gepuzzelt.
- Mark Lins

LAAC hat 2012 den von der PEMA Gruppe und der Stadt Innsbruck ausgelobten – international geladenen – Wettbewerb mit ihrem extravaganten Projekt gewonnen, das reizvollerweise eine so komplett andere Architektursprache spricht als das schräg vis-a-vis stehende, von Henke-Schreieck geplante, in einem runden Eckelement ausschwingende Pema 1. Höher als dieses durfte seine jüngeres „Geschwisterchen“ nicht werden, formale Vorgaben anderer Art gab es dagegen kaum.

Das Gebäude auf dem von seiner Topografie und seinen Nachbarschaften her schwierigen Bauplatz zu situieren, war tricky, seine Ausrichtung orientiere sich letztlich aber an dem Panorama, das sich in den Fassaden spiegelt, so Frank Ludin. Und gerade diese machen das bis zu 14 Meter auskragend auf einem dreigeschoßigen, weitgehend geschlossenen Sockel stehende Gebäude so speziell. Seine elf Geschoße verwischen hinter einem leicht in die Tiefe gestapelten, algorithmisch aus der Kombination von Fenstern mit unterschiedlich hohen Parabeten sowie blickdichten Paneelen errechneten, geometrisch strukturierten Puzzle. Jeder der rund 8000 gläsernen Einzelteile ist in Alu gefasst und kaum merklich nach außen gewölbt, mit dem Effekt, auf diese Weise zur leicht verzerrenden Projektionsfläche des Außens zu werden.

Richtung Süden kommt das Pema 2 extrem spitzwinkelig daher. Mit dem Innenleben des Turms in der Form von 173 kleinen Wohnungen hat LAAC, sehr zum Leidwesen von Katrin Aste, nichts zu tun, dafür mit dem Innen und Außen der neuen Stadtbibliothek in jenem zweiten Gebäudeteil, der sich straßenseitig aus dem Sockel des Wohnturms löst. Ganz bewusst gestaltet als transparente, sich durch riesige raumhohe Schaufenster öffnende Hülle, um auf diese Weise zum einladend (halb-)öffentlichen Raum zu werden.

Der inklusive eines Veranstaltungssaals fast 1000 Quadratmeter groß ist, ausgebreitet auf zwei Ebenen, die durch ein in elegantem Schwung sich vom Erdgeschoß nach oben schwingendes Stiegenmöbel, das letztlich eine begehbare Skulptur aus Eiche ist, verbunden werden. Raffiniert durch eine trichterförmige Oberlichte in der Form eines Dreiecks mit rund verschliffenen Ecken mit Tageslicht versorgt.

Der gesamtkunstwerkliche Gedanke, mit dem Aste und Ludin hier zugange waren, ist intuitiv spürbar. So stimmig ist die Wahl der Materialien, wobei besonders die Art der Bodenbeläge zwischen hartem Terrazzo und Teppichboden intuitiv mit den unterschiedlichen Besetztheiten verschiedener Zonen dieses Orts des Lernens und der Begegnung zu tun haben. Eine breite betonierte Freitreppe führt zum elf Meter über dem Straßenniveau über der Stadtbibliothek eingerichteten „Lesedeck“, gedacht als frei zugängliches „Freiluftwohnzimmer“ für alle Innsbrucker.