Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 15.03.2019


Architektur

Nicht jammern, sondern denken

Wie schon der Titel „legislating architecture /architecting after politics“ der neuen Ausstellung im Innsbrucker aut. architektur und tirol verrät, werden hier Themen verhandelt, die uns alle angehen.

Still aus dem im Innsbrucker aut zu sehenden Film „Architecting after Politics“ von Brandlhuber+ und Christopher Roth, 2018.

© brandlhuber und rothStill aus dem im Innsbrucker aut zu sehenden Film „Architecting after Politics“ von Brandlhuber+ und Christopher Roth, 2018.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – „Nicht jammern“ haben in großen roten Buchstaben der Architekt und Stadtplaner Arno Brandlhuber und der Filmemacher Christopher Roth für ihr Ausstellungsprojekt „legislating architecture /architecting after politics“ auf die Fensterscheiben des Innsbrucker aut geschrieben. Augenzwinkernd darauf replizierend, dass Architekten viel und gern jammern. Nicht zuletzt über immer mehr Normen und Gesetze, was für die beiden Ausstellungsmacher allerdings keine Ausrede für schlechte Baukunst sein kann.

Für die Schau, die das aut vom Vorarlberger Architekturinstitut übernommen hat, sollte sich der potenzielle Besucher viel Zeit nehmen. Denn allein um die drei präsentierten Filme zu sehen, muss man zweieinhalb Stunden einkalkulieren, um sich in die auf einem großen Tisch ausgebreiteten Bücher bzw. Videos zu vertiefen, noch einmal so viel.

Verhandelt werden in dieser Schau, in der weniger Architektur im engeren Sinn zu sehen ist als sehr viel Kluges geredet wird, grundsätzliche Themen, die uns letztlich alle angehen. Etwa die Frage, wer die für das Bauen relevanten Gesetz­e gestaltet, wer es ist, der bestimmt, dass die Architektur so ausschaut, wie sie ausschaut. Es geht aber auch um die nicht so leicht zu beantwortende Frage, wem Grund und Boden gehören sollen, die Abwägung von öffentlichen und privaten Interessen genauso wie um die Definition neuer Rollen und Regeln oder um die Frage, warum es kaum Architekten gibt, die sich politisch engagieren.

Für die zwei Ausstellungsmacher gibt es keine eindeutigen Antworten auf alle dies­e Fragen. Die Lösung liege immer irgendwo in der Mitte, sagt Arno Brandhuber, der seit zwei Jahren an der ETH Zürich im Bereich neuer Medien und Technologien als Argument­e zukünftiger Architekturen lehrt und forscht.

Formal orientieren sich Brandlhuber und Roth an der auf C. G. Jung und Wolfgang Pauli zurückgehenden „quaternio“. Einem Kreuz aus zwei sich polar gegenüberstehenden, sich diametral ergänzenden Begriffspaaren. Wie fiction und fact, Öffentlichkeit und Privatheit, Homogenität und Heterogenität, Eigenbild und Fremdbild, Stadt und Land. Ein roter Punkt umkreist das Zentrum der sich überschneidenden Koordinaten, um in diesem ganzheitlichen Denkmodell zu suggerieren, dass die Lösung wohl irgendwo im Dazwischen liegt.

Der 2016 bei der venezianischen Architekturbiennale gezeigte halbstündigen Streifen „Legislating Architecture“ ist ein Zusammenschnitt von Gesprächen, die Brandlhuber und Roth mit ArchitektInnen zum Thema Regeln und Gesetze, die die bebaute Umwelt prägen, geführt haben. Der zweite, ein Jahr später bei der Architekturbiennale von Chicag­o erstmals gezeigte Film thematisiert die ebenso kontroversiell wie leidenschaftlich diskutierte Frage, was etwa das Steigen der Grundstückspreise mit dem Zerfall des sozialen Lebens in den Städten zu tun hat. Um das große Thema, wer die Welt baut, kreist Film Nr. 3. Die Antworten sind höchst unterschiedlich, was angesichts der Befragten nicht verwundert. Trennen doch beispielsweise den „Anarcho-Kapitalisten“ Patrick Schumacher, den deutschen Sozialdemokraten Hans-Jochen Vogel, den flämischen Baumeister Leo van Broeck und die Architektin und Aktivistin Phyllis Lambert ideologisch doch Welten.