Letztes Update am Fr, 17.05.2019 06:41

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Architektur

„Das, was Architektur sein sollte“: Stararchitekt I. M. Pei ist tot

Der US-Architekt chinesischer Herkunft starb im Alter von 102 Jahren. Die von ihm gestaltete Glaspyramide des Louvre zählt zu seinen bekanntesten Werken.

ieoh Ming Pei (li.), der zahlreiche bedeutende Bauwerke wie die berühmte Glaspyramide im Innenhof des Louvre in Paris und den modernen Anbau des Deutschen Historischen Museums in Berlin entworfen hat, starb am Donnerstag im Alter von 102 Jahren.

© APA/AFP/ERIC FEFERBERGieoh Ming Pei (li.), der zahlreiche bedeutende Bauwerke wie die berühmte Glaspyramide im Innenhof des Louvre in Paris und den modernen Anbau des Deutschen Historischen Museums in Berlin entworfen hat, starb am Donnerstag im Alter von 102 Jahren.



New York – Die Franzosen gelten als stolzes Volk, und einen Auftrag für die Neugestaltung des Louvre in Paris vergibt man nicht an jedermann. Groß war die Überraschung, als Ieoh Ming (I. M.) Pei 1983 den Zuschlag bekam und der erste ausländische Architekt wurde, der am Louvre Hand anlegen durfte.

Seine Glaspyramide steht heute für Kunst und Moderne in der französischen Hauptstadt und ist der weltbekannte Bau eines Architekten, der geometrische Formen wie Dreiecke, Kreise und Quadrate stilvoll zum Leben erweckte. Am Donnerstag vermeldete Peis Architekturbüro, dass der chinesisch-US-amerikanische Stararchitekt im Alter von 102 gestorben ist.

Der „Meister des Lichts“

Als „Meister des Lichts“ war Pei teils bekannt – nicht nur, weil er Sonnenlicht in den Untergrund des Pariser Louvre strömen ließ. Trotz all ihrer Ecken und Kanten strahlen Peis Bauten keine Härte, sondern elegante Stabilität aus. Für die Architektur-Website „ArchDaily“ war Pei das „wohl größte lebende Mitglied einer Generation moderner Architekten“. Er habe „diesem Jahrhundert einige seiner schönsten Innenräume und äußeren Formen gegeben“, urteilte eine achtköpfige Jury, die ihm 1983 den Pritzker-Preis verleih.

Den 1917 im südchinesischen Guangzhou (Kanton) geborenen Ieoh Ming Pei, der in Hongkong und Shanghai aufwuchs, zog es mit 17 Jahren in die USA. Die Kunst des schönen Bauens lernte der Sohn kunstaffiner Eltern an bester Adresse: 1935 schrieb er sich an der University of Pennsylvania ein, ehe er am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge und 1946 an der Harvard Graduate School of Design Abschlüsse in Architektur machte. Unter seinen Dozenten waren unter anderem die Bauhaus-Architekten Marcel Breuer und Walter Gropius.

Als der Zweite Weltkrieg seine Rückkehr nach China verhinderte, waren Boston, New York und Los Angeles bald seine neuen Arbeitsplätze. Mit der amerikanischen Staatsbürgerschaft in der Tasche schuf Pei städtische Projekte wie das Mile High Center in Denver, Colorado (1955), den neu gestalteten Hyde Park in Chicago (1959) und den Place Ville-Marie in Montreal (1965). Nach Anfängen beim New Yorker Unternehmen „Webb & Knapp“ eröffnete er dort seine eigene Firma „I. M. Pei & Partners“. Einen produktiven Schub verdankte er nicht zuletzt dem einflussreichen US-Baunternehmer William Zeckendorf.

Bald reihte sich ein prestigeträchtiger Auftrag an den nächsten: Ostflügel der „National Gallery of Art“ in Washington (1978), Bibliothek für den ermordeten Präsidenten John F. Kennedy in Absprache mit dessen Witwe Jacqueline (1979), Westflügel des Museum of Fine Arts in Boston (1980). Mit dem Ruhm im Rücken kehrte Pei mit seiner Familie für einige Projekte nach China zurück. Er und seine Frau Eileen Loo, die er schon aus Studienzeiten kannte und mit der er drei Söhne und eine Tochter hatte, reisten häufig zusammen.

Nicht alle waren mit der Glaspyramide einverstanden

Mit der berühmten Glaspyramide in Paris wollten sich nicht alle sofort anfreunden, teils war von einem „Disneyland-Anbau“, einem „Akt der Willkür“ und einer „gigantischen Spielerei“ die Rede. Pei blieb bei seinem Entwurf und setzte mit der Rock and Roll Hall of Fame in Cleveland, Ohio sogar fast zeitgleich eine zweite, ganz ähnliche Glaspyramide in die Welt.

Auch in Deutschland ging seinem Ausstellungs-Annex für das Deutsche Historische Museum in Berlin zuerst ein Sturm der Entrüstung voraus: Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl hatte den Auftrag per Direktmandat an Pei vergeben, weil dieser sich schon lange nicht mehr an Ausschreibungen beteiligte. Doch Peis Können galt als unbestritten und die Kritik verstummte, als 1997 schließlich der Entwurf für den Anbau mit spiralförmigem Treppenhaus aus Glas und Stahl vorgestellt wurde – heute spricht das Museum beim 2003 eröffneten Pei-Bau hinter dem barocken Zeughaus von einem „atemberaubenden Gebäude“.

Pei ließ sich von kritischen Stimmen nie abhalten

Abhalten ließ sich Pei, der mit dem „Fragrant Hill Hotel“ in Peking (1982), dem „Bank of China“-Gebäude in Hongkong (1989) und dem Miho Museum außerhalb von Kyoto in Japan (1997) auch in Asien immer gefragter wurde, von solchen Stimmen nie. Beim Miho Museum und dem Museum für Islamische Kunst in Doha, Katar (2008), zeigte er seine Bemühungen, den Stil der westlichen Moderne mit anderen Kulturkreisen zu verbinden, schreibt der mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Architekturkritiker Paul Goldberger. Er spricht von „bemerkenswerten Kodas zu einer Karriere, die sich nie auf Erfolg ausruhte, sondern immer nach etwas Neuem zu greifen schien“.

Aktiv war Pei (zumindest als großer Taktgeber seiner ausführenden Architekten) bis zum Schluss. Century Plaza in Los Angeles, Charles Darwin Centre in Australien, verschiedene Bauten in Indien - Pei schien kaum müde und neuer Ideen und Projekte nicht überdrüssig zu werden. Die Pritzker-Jury erkannte das schon 1983 und schrieb: „Seine Vielseitigkeit und sein Können beim Materialgebrauch nähern sich dem Niveau von Poesie.“

Womöglich zeigt sich Peis Können aber vor allem in dem Bau, der ihm persönlich am meisten bedeutete: das Miho Museum in der Nähe von Kyoto in Japan. Die spektakuläre Anlage mit Tunnel-Eingang und hohen Glasdächern hat er mitten in die japanische Hügellandschaft gesetzt. „ArchDaily“-Gründer und Kritiker David Basulto schrieb: „Durch seine Einfügung in die Umgebung und seine ‚architektonische Promenade‘ erzeugt das Museum eine Reihe unverwechselbarer Erfahrungen und Momente, eine Synthese dessen, was Architektur sein sollte.“ (APA/dpa)