Letztes Update am Fr, 31.05.2019 10:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Hanno Schlögl: Der Lohn für baukünstlerische Haltung

Der Innsbrucker Architekt Hanno Schlögl, der am kommenden Montag den Tiroler Landespreis für Kunst 2019 erhält, im Gespräch über Erweckungserlebnisse, Lieblingsbauten, nicht Gebautes und aktuelle Pläne.

Ein Baukünstler aus Leidenschaft: Hanno Schlögl.

© Vanessa RachléEin Baukünstler aus Leidenschaft: Hanno Schlögl.



Was bedeutet dieser Preis für Sie?

Hanno Schlögl: Da es in dem Preis um die Belohnung von Arbeit und Haltung geht, freu’ ich mich sehr darüber. Ginge es um die Vergabe eines Ordens, wäre es schrecklich für mich.

Wann haben Sie gewusst, dass Sie Architekt werden wollen? Gibt es da ein Schlüsselerlebnis?

Schlögl: Als entscheidendes Erweckungserlebnis deute ich in der Rückschau meinen Besuch der Brüsseler Weltausstellung als 14-Jähriger. Wo mich im Österreich-Pavillon von Karl Schwanzer die Inszenierung eines verdunkelten Musikzimmers rund um das Autograf von Mozarts „Requiem“ zutiefst beeindruckt hat. Kurz darauf habe ich mit der HTL für Hochbau begonnen, wo ich bald gemerkt habe, wie viel Freude mir nicht nur das freie, sondern auch das technische Zeichnen macht. Und es für mich sehr bald klar war, dass ich nach der Matura an der Wiener Akademie der bildenden Künste Architektur studieren möchte.

Wie wichtig waren Ihre Lehrer an der HTL?

Schlögl: Ich hatte sehr gute. Wobei der eher introvertierte Hans Nagiller für mich fast wichtiger war als der charismatische Motivator Nobert Heltschl. Von Nagiller hab’ ich nicht nur gelernt, die Qualitäten, die etwa die Architektur eines Mies van der Rohe oder Frank Lloyd Wright ausmachen, zu begreifen, sondern er konnte auch ganz Grundlegendes vermitteln, etwa was einen guten Grundriss ausmacht.

Und die Großen der Klassischen Moderne sind bis heute Ihre Helden geblieben ...

Schlögl: Ja, schon. Frank Lloyd Wright, Mies van der Rohe, Le Corbusier und Louis I. Kahn waren unzweifelhaft die ganz großen Jahrhundertarchitekten. Denn welchen Beitrag die zugegebenermaßen faszinierenden parametrischen Event-Architekturen der weltweit gehypten Architektenstars von heute für die Architekturgeschichte bedeuten, wird sich zeigen. Aber vielleicht ist beides notwendig, um lebendig zu bleiben. Aber mir liegt die zeitlose, sich nie verbrauchende Archaik der Klassiker sicher wesentlich näher.

Verstehen Sie sich als Baukünstler?

Schlögl: Meine Herangehensweise an Architektur ist sicher das Ergebnis einer baukünstlerischen Haltung. Aber als Korrektiv möchte ich in diesem Zusammenhang Roland Rainer, meinen Lehrer an der Wiener Akademie, nennen, der uns nachhaltig vor Manierismen jeder Art gewarnt hat und mit seiner sich speziell am Menschen orientierten Architektur sozusagen geerdet hat. Wodurch sich auch meine Maßstäbe verschoben haben.

Trotzdem war etwa der soziale Wohnbau nicht Ihr Lieblingsthema, sondern Kulturbauten wie die Kunsthalle Tirol im Haller Salzlager oder die Taxisgalerie.

Schlögl: Ja, denn diese Bauten entsprechen eher dem, was mich selbst interessiert. Spielen doch Musik, nicht zuletzt durch meine jahrzehntelange Freundschaft mit Gerhard und Maria Crepaz, und die bildende Kunst eine wichtige Rolle in meinem Leben. Wobei die Freundschaft mit Heinz Gappmair vielleicht die essenziellste in meinem Leben war.

Aber die Taxisgalerie und das Salzlager sind schon Ihre Lieblingsbauten?

Schlögl: Mir sind vier meiner Bauten besonders wichtig. Neben den zwei schon genannten bin ich auf die Berufsschule in Absam in der Art, wie ich sie in die Landschaft gestellt habe, sehr stolz, genauso wie auf die drei Altenheime, die ich versetzt über drei Jahrzehnte in Hall bauen durfte.

Wobei sich gerade bei diesen schön der Wandel Ihrer architektonischen Handschrift abbildet. Das Aufgeben postmoderner Ansätze zugunsten einer zunehmenden formalen Schärfung.

Schlögl: Wobei ich nach wie vor voll hinter dem ersten Haus stehe, gewisse Details heute so aber sicher nicht mehr machen würde. Der erste, als Gasse angelegte Teil spielt allerdings in seiner Situierung am Rand der Haller Altstadt städtebaulich eine wichtige Rolle, während es im zweiten Haus typologisch um den Garten und im dritten um den Hof geht.

Den Zuschlag für ein Projekt dieser Größenordnung ohne Wettbewerb zu bekommen, wäre heute unmöglich. Die Aufträge zum Bau der Altenheime genauso wie zum Umbau des Salzlagers an Sie waren direkte, basierend auf dem Vertrauen des damaligen Haller Bürgermeisters Josef Posch in Ihre baukünstlerischen Qualitäten. Wie stehen Sie zur viel gepriesenen Wettbewerbskultur?

Schlögl: Die Direktvergaben an mich waren eine große Chance, aber natürlich sind Wettbewerbe prinzipiell der eindeutig beste Weg für das Ermöglichen guter Architektur. Wenn auch manchmal auf einem tiefen Vertrauensverhältnis von zwei Partnern basierende Bauwerke entstehen können, wie sie durch einen Wettbewerb nie entstehen würden.

Was macht den Reiz des Weiterbauens historischer Bausubstanz unter den strengen Augen des Denkmalamtes aus, wie das beim Umbau des Salzlagers oder der Taxisgalerie der Fall war?

Schlögl: Der Prozess des Abwägens des Neuen gegen das Alte ist schon höchst reizvoll. Und das im konkreten Fall auf völlig unterschiedliche Art und Weise. In der Taxisgalerie ging es um ein kultiviertes Reagieren auf das Bestehende, während das Salzlager eine gewisse Rauheit charakterisiert, das ein Weiterdenken auf völlig andere Weise herausfordernd gemacht hat.

Sie haben in Ihrem Architektenleben sehr viel und ganz Unterschiedliches gebaut. Was noch nicht, das Sie gern bauen würden?

Schlögl: Wie fast jeder Architekt würde ich auf diese Frage sagen: eine Kirche. Ein archaischer kontemplativer Raum, in dem eine durch Licht inszenierte spirituelle Atmosphäre die zentrale Rolle spielt. Im Gegensatz zu den meisten meiner Kollegen interessiert mich dagegen der Bau eines Hochhauses überhaupt nicht.

Als Diplomarbeit haben Sie ein Dominikanerkloster entworfen. Hätten Sie ein solches auch gern gebaut?

Schlögl: Diesen mit 23 Jahren gemachten Entwurf halte ich für einen der besten, die mir in meinem langen Architektenleben überhaupt gelungen sind. An ihm habe ich wie in Trance gearbeitet, wie ich sie später kaum mehr erlebt habe. Bis auf eines meiner letzten Projekte – das Naturparkhaus in Längenfeld, der für mich wichtigste Bau der letzten Jahre, nicht nur weil er in seiner einfachen Form den Bogen zum Entwurf des Kloster schließt.

Woran arbeiten Sie im Moment?

Schlögl: An einer Geschichte, die mir etwas Bauchweh bereitet. Wir erweitern gerade das Festspielhaus Erl um dringend notwendige Nebenflächen wie eine Probebühne und ein Kulissenlager. Angelegt nicht als Konkurrenz zum Haus von Delugan-Meissl, sondern als Baukörper, der hinter einer grünen Wand praktisch verschwinden soll. Große Freude würde es mir allerdings machen, wenn aus meinem Entwurf für ein Besucherzentrum auf der Seegrube etwas werden würde. Als vielleicht der letzte Fußabdruck, den ich in der architektonischen Landschaft Tirols hinterlassen werde.

Das Interview führte Edith Schlocker

Zur Person

Hanno Schlögl: Jg. 1944, Architekturstudium an der Wiener Akademie der bildenden Künste, seit 1973 Architekturbüro in Innsbruck. Werkhauswahl: Haus Markl Sistrans (1973), Wohn- und Pflegeheime Hall (1986–2006), Salzlager Hall (1997), Fachberufsschule für Bautechnik und Malerei Absam (1998), Galerie im Taxispalais (1999). Preisvergabe: Der Tiroler Landespreis für Kunst 2019 wird Hanno Schlögl am kommenden Montag, 18 Uhr, im Landhaus 1, Großer Saal, überreicht.