Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 07.11.2019


Architektur

Friedrich von Borries und der politische Salzstreuer

Für Friedrich von Borries ist Design mehr als schöne Oberfläche: Objekte gestalten unser Zusammenleben. Der Theoretiker über ein gescheitertes Bauhaus und die Folgenlosigkeit.

Design manipuliert, das machte Friedrich von Borries’ letzte Ausstellung (siehe Bild) klar. Heute, 20 Uhr spricht er in der Swarovski Manufaktur in Wattens über die politische Ebene von Design. Anmeldung erforderlich.

© Anna SeibelDesign manipuliert, das machte Friedrich von Borries’ letzte Ausstellung (siehe Bild) klar. Heute, 20 Uhr spricht er in der Swarovski Manufaktur in Wattens über die politische Ebene von Design. Anmeldung erforderlich.



Von Barbara Unterthurner

Wattens – Ein Salzstreuer hat eine politische Dimension, so Friedrich von Borries. Was für viele absurd klingen dürfte – das versteht auch der deutsche Architekt und Design­theoretiker –, ist aber einfach erklärt: „Es geht nicht nur darum, dass er ordentlich Salz streut“, meint von Borries. Das Objekt kann mehr: Es gibt dem Hungrigen die Freiheit, sein Essen nach Belieben zu salzen, die macht ihn unabhängig von den Vorgaben des Kochs (außer das Essen ist bereits versalzen). Die Größe und Anzahl der Löcher gibt vor, wie schnell und wie viel in einer gewissen Zeit gesalzen wird. Und der Salzstreuer steuert sogar, wie Menschen miteinander umgehen: Man greift nicht mit den Fingern in ein Salzschälchen, kann sich von anderen distanzieren, das Salzen läuft hygienisch ab.

Nach dieser Erklärung ist Design nicht mehr bloße Oberflächengestaltung, vermittelt von Borries als Professor an der Hochschule für bildende Künste Hamburg auch seinen Studierenden. Auf Einladung von Weisraum Designforum Tirol, aut. architektur und tirol und Destination Wattens wird er heute Abend auch in der Swarovski Manufaktur in Wattens von der politischen Ebene des Designs sprechen.

Um das Thema ansehnlich zu gestalten, wird von Borries den Abend mit dem diesjährigen Jubiläum des Bauhauses eröffnen, jener Design-Schule, die 1919 von Walter Gropius gegründet wurde: „Viele sehen im Bauhaus heute nur mehr schöne Tische, schöne Stühle, weiße Häuser. Dass das Bauhaus aber eine neue Welt mit einer gerechteren Gesellschaft gestalten wollte, das vergisst man.“ In seiner Ausstellung „Politics of Design, Design of Politics“ in der Pinakothek der Moderne in München lenkte von Borries bis vor etwa einem Monat den Blick auf diese vergessene Dimension zurück. Etwa indem er einen legendären Freischwinger-Sessel von Ludwig Mies van der Rohe (1927) mit irgendeinem Freischwinger ersetzte – einem billigen Imitat, erstanden online für kleines Geld. Eine freche Intervention, die an den Anspruch van der Rohes erinnert, der mit dem elegant federnden Stück versuchte, ein Arbeitermöbel zu entwerfen; und eine, die gleichzeitig auch die Hoheitsmacht des Museums hinterfragt, das aus einem Gebrauchsgegenstand ein aufgeladenes Objekt, quasi ein Fetisch-Stück, machte.

Wieso das Bauhaus mit seinen Ansprüchen schlussendlich gescheitert ist, kann auch von Borries nicht einfach beantworten: Die Schule sei auf merkwürdige Weise bürgerlich geblieben, man habe wenig von dem realisiert, was propagiert wurde, meint der Designtheoretiker. Das Bauhaus habe sich beschränkt auf Möbel, Teppiche, Geschirr: „Oder kennen Sie Autos oder Schreibmaschinen vom Bauhaus?“

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Natürlich kennt man keine Bauhaus-Autos, es hat sie schlichtweg nicht gegeben. Dabei startete das moderne Automobildesign in der Bauhauszeit. Es ist die Widersprüchlichkeit, die von Borries interessiert: In seiner Münchner Schau stellt er deshalb auch dem ersten Babyphon aus den 1930ern ein ramponiertes iPhone zur Seite – also die Überwachungsvariante von heute. Seine These: Design manipuliert auch.

Und Gestaltung wurde in der Vergangenheit und heute dafür genutzt, gesellschaftliche Vorstellungen um- und durchzusetzen, so von Borries: „Alle totalitären Regime, auch der Nationalsozialismus, waren durchdesignte Ären.“ Nur der Anspruch, umfassend zu gestalten, sei laut dem Architekten noch nicht prinzipiell gut. „Gerade deshalb ist es grundlegend politisch, was Gestalter machen, denn es wird verhandelt, wie wir zukünftig zusammenleben wollen.“

In seinem jüngst veröffentlichten Buch „Stadt der Zukunft. Wege in die Globalopolis“ listet von Borries dafür auch konkrete Konzepte auf. Gemeinsam mit Stadtplaner Benjamin Kasten zeichnet er das Bild einer Stadt der Zukunft: eine sozialere, gerechtere und ökologisch sinnvollere. Dabei stellt von Borries unter anderem ein Genossenschaftsbauprojekt in Zürich vor, in dem Singlewohnungen, Familienwohnungen und Wohngemeinschaften untergebracht sind. Indem die Architekten den durchschnittlichen Wohnraum für die Schweiz um 15 Prozent reduzierten, schufen sie Gemeinschaftsräume, etwa so genannte „Jokerwohnungen“, die die Bewohner je nach Bedarf, etwa beim Besuch eines Freundes, temporär benutzen können. Und: Die Bewohner einigten sich, wird die Familienstruktur kleiner, etwa wenn ein Kind auszieht, zieht die Familie in eine kleinere Wohnung im Haus um. Damit die Gemeinschaft den Platz ideal nutzen kann.

Neben einer solchen Neu-Organisation von städtischem Leben sieht von Borries Design auch in Bezug auf die ökologische Debatte in der Verantwortung. Seine neueste Publikation wird deshalb das Konzept der „Folgenlosigkeit“ thematisieren. Vorgestellt hatte von Borries es bereits im Rahmen der Denkerwerkstatt „Globart Academy“ im „Fest der Folgenlosigkeit“. Von Borries entwirft damit ein Gegenbild zum aktuellen Nachhaltigkeitsprinzip: „Warum dieser materielle Diskurs, der etwas hinterlassen möchte? Sollten wir den Blick nicht umkehren und nichts hinterlassen, also folgenlos bleiben? Ich bin davon überzeugt, dass das ebenso freudvoll sein kann.“