Letztes Update am Di, 07.02.2012 11:29

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Architektur

Mythos mit offenem Visier

Andreas Kriegenburg und Kent Nagano heben Wagners „Rheingold“ in München.



Von Jörn Florian Fuchs

München – Ungemein feinsinnig und sehr sinnlich beginnt dieses „Rheingold“ an der Bayerischen Staatsoper. Zu Anfang gibt es folgende Szene: Eine Hundertschaft weiß gekleideter Statisten unterhält sich leise, dann streicheln die trotz Masse ausdifferenzierten Individuen einander und streichen sich danach gegenseitig mit blauer Farbe an. Sobald das Orchester einsetzt, wird diese Gruppe zum Rhein – mit fließenden Bewegungen und anmutigen Gesten. Bald schälen sich drei goldige Schatzbewacherinnen heraus und alles scheint in schönster Harmonie, bis jemand das Ganze stört. Alberich ist es, er bringt die Chose aus dem Gleichgewicht, weil er als ungelenkes, fremdes Element weder mitmachen kann noch will.

Und schon nimmt das Unheil seinen altbekannten Lauf, nur dass das Rheingold hier ein goldenes Menschlein ist, welches später zum glänzenden Tresorraum für Barren wird, und dass Andreas Kriegenburgs Mannen und Frauen Wagners Spiel- und Handlungsräume gelegentlich etwas ergänzen bzw. erweitern. Wenn die weise Urseherin Erda Wotan vor dem Fluch des Rings warnt, sorgen lemurenhafte, kalkige Wesen für ihren Schutz, der heranstürmende Obergott kriegt dabei ordentlich Schmutz auf seinen Anzug. Die Riesen kommen auf seltsamen Viereckfahrzeugen daher, die aus Menschenleibern geformt sind, Fafner und Fasolt sind eigentlich normal groß, umtriebige Helfer heften ihnen aber riesige Gliedmaßen an. Das dunkle Reich des Zwergen Alberich wird mittels pyrotechnischer Tricks und Nebel in eine Endzeithölle verwandelt. Der Weg dorthin von der Oberwelt entsteht nur virtuell, es erscheint ein auf die schräge Guckkastenbühne projizierter Text: Wagners Beschreibung der Reise von Wotan und Loge.

Als ästhetisches Gesamterlebnis kann man diesen lange ersehnten Ring-Auftakt durchaus goutieren, auch wenn insgesamt etwas zu viel herumgeturnt wird. Aber was interessiert Kriegenburg am Stück, was will er uns sagen? Wotan erscheint als schwacher Normalo von nebenan, der seltsamerweise meist einen Speer mit sich führt. Wie er, so haben auch alle anderen Götter semmelblonde Haare, die Unterschichtler – Alberich, Mime und Riesen – tragen zottelige Frisuren und fallen durch miserable Manieren auf. Irgendwo dazwischen agiert Loge in seinem roten Anzug. Was fehlt, ist wirkliche Fallhöhe. Es sind alles simple, eindimensionale Figuren. Nur Loge bleibt undurchschaubar, er scheint ein mindestens doppeltes Spiel zu spielen. Als die Riesen sich um den Goldschatz streiten, reicht er Fafner ein Messer und stiftet ihn so zum Brudermord an. Aber warum? In der Walküre und den weiteren Teilen muss Kriegenburg konzeptionell ordentlich nachlegen.

Musikalisch stand die Premiere unter einem ziemlich guten Stern. Kent Nagano dehnt zwar einige Stellen zu sehr, insgesamt überzeugen er und das Staatsorchester jedoch durch Präzision, Kultiviertheit und ein paar anregende Blech-Ausbrüche. Johan Reuter gibt einen lyrischen Wotan, Sophie Koch mimt seine Gattin mit höhensicherem Sopran. Wunderbar der kurzfristig eingesprungene Johannes Martin Kränzle als Alberich und Stefan Margitas nicht nur kantabel vielschichtig verschlagener Loge. Catherine Wyn-Rogers singt eine solide Erda, auch die Nebengötter Donner und Froh (Levente Molnár und Thomas Blondelle) machen ihre Sache gut. Auch bei den Riesen (Phillip Ens als Fafner, Thorsten Grümbel als Fasolt) und den Rheintöchtern (Eri Nakamura, Angela Brower und Okka von der Damerau) blieben kaum Wünsche offen.




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