Letztes Update am Fr, 02.03.2012 11:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Architektur

Die Verletzung des Vaters

Raoul Schrott thematisiert in seiner Erzählung „Das schweigsame Kind“ das Obsorgerecht in Österreich. Ein Gespräch über Väter, die nicht Väter sein dürfen.



Zuletzt zettelten Sie eine Debatte über Homer an. In Ihrem neuen Buch geht es um einen Vater, der sein Kind nicht sehen darf und dabei zu Grunde geht. Was hat Sie zu dem tagespolitischen Thema veranlasst?

Raoul Schrott: Das österreichische Sorgerecht, das eine Apartheid zwischen Vätern und Kindern praktiziert, ist mehr als Tagespolitik. Es ist ein gesellschaftlicher Missstand, vergleichbar der Diskriminierung der Frauen vor 1968. Als Vater macht mich dieses Unrecht betroffen. Als Schriftsteller bringt es mich dazu, von den – meist tabuisierten – Verstrickungen zu erzählen: von Elend, Liebe und Gewalt. Es ist eine Tragik, die einem täglich begegnet; es genügt mit einem der betroffenen Väter am Spielplatz zu reden.

Sie haben am Spielplatz recherchiert?

Schrott: Ich habe mit vielen so genannten ‚rechtlosen‘ Vätern geredet, auch mit Richtern, Anwälten, Gutachtern, Juristen – ich komme selbst aus einer Juristenfamilie. (Anmerkung: Bei Scheidung oder Lebensgemeinschaften ist eine gemeinsame Obsorge nur mit Zustimmung der Mutter denkbar; sie kann sie jederzeit und ohne Angaben von Gründen wieder entziehen. Das Gericht kann weder eine gemeinsame Obsorge durchsetzen, noch sie dem Vater zusprechen: sie kommt de facto allein der Mutter zu). Es ist eine einseitige Rechtslage, die gerade nach Trennungen zum Missbrauch verleitet. Dabei entsteht eine Schieflage, die von Gerichten wie Jugendämtern viel zu oft noch beamtisch verschlimmert wird, statt sie auszugleichen. Die Mutter muss dadurch selbst aberwitzigste Formen des Kindsentzugs letztlich vor niemandem verantworten. Kinder brauchen Mütter jedoch zu gleichen Teilen wie Väter – nicht aber als ohnmächtige Besuchsonkel. Wir reden hier nicht von emanzipierten Frauen, die zu ihrer Entlastung eine Beteiligung des Vaters einfordern, sondern von pathologischen Haltungen, in denen liebevolle und einsatzbereite Väter vom Kind ferngehalten werden. Die Psychologie dahinter, die Konstellation von Tätern und Opfern, hat mich interessiert – solche Rollenstudien stecken auch in meinem letzten Roman „Tristan da Cunha“, der großteils aus einer Frauensperspektive geschrieben wurde.

Leserin und Leser finden einen wackeligen Boden vor. Ihr Buch liest sich teilweise wie ein Thriller, enthält dann wieder sehr poetische Momente.

Schrott: Da es um Gewalt in ihren vielen Formen geht, um die Frage, wie Schuld aus den scheinbar unschuldigsten Motiven heraus entstehen kann, lag die Form eines Krimis nahe. Eigentlich aber handelt es sich um Bekenntnisse eines Vaters, bei denen immer wieder die Frage im Raum steht, wie vertrauenswürdig sein subjektiver Blick ist: daher die Genrebezeichung ‚Erzählung‘.

Steht das schweigende Kind für eine stumme Anklage?

Schrott: Ja. Es allein zahlt den Preis. Seine Sprachlosigkeit ist ein beredter Ausdruck des Missbrauchs, dem es ausgesetzt ist. Und es steht für das, worin wir alle wirklich weiterleben: in unseren Kindern nämlich. Den Kontakt zu ihnen zu unterbinden, kommt deshalb auch einer Seelenzerstörung gleich. An dem die Figuren dieses Buches zu Grunde gehen. Sie alle verlieren ihre Lebensmitte.

Was müsste sich in der Gesellschaft ändern?

Schrott: Das Bewusstsein, dass Kinder nicht Besitz eines Elternteils sind, sondern für sich stehen. Dass Eltern-Sein ein Privileg ist, kein Machtmonopol. Dass nur eine ausgeglichene Rechtslage auch zufriedene Kinder schaffen kann – ein automatisches Sorgerecht ist bis auf Italien überall rund um uns Praxis, in Deutschland wie in der Schweiz. Das gilt auch für Lebensgemeinschaften – die Hälfte der Kinder kommt ja mittlerweile in unehelichen Beziehungen zur Welt. Diese geschlechtliche Rassentrennung zwischen Vätern und Müttern muss endlich aufhören. Wie wichtig das ist, weiß jede verantwortungsvolle Mutter.

Das Gespräch führte Sabine Strobl




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