Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 17.11.2015


Bühne

Zerrbilder einer Landesmutti

Uraufführung von Martin Plattners beklemmend-poetischem Kammerspiel „Maultasch“.

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© TLT/Larl



Von Christiane Fasching

Innsbruck – Was geschah wirklich mit Margarete Maultasch? Und ist es ein Zufall, dass die legendäre Tiroler Landesfürstin in Martin Plattners Kammerspiel „Maultasch“ Erinnerungen an Bette Davis in ihrer unvergesslichen Baby-Jane-Rolle wachruft? Wie ein aus der Zeit gefallenes Erstkommunions-Mädel steht die von Janine Wegener verkörperte „Landesmutti“ inmitten ihres zugemüllten Zuhauses, das so gar nicht fürstlich wirken will.

Im überladenen Messie-Kosmos ist die Maultasch nicht Herrin, sondern Dienerin – ihre ältere Schwester Adelheid, die in Gestalt von Ulrike Lasta als verkitschte Braut erscheint, hat nämlich schon im Mutterleib beschlossen, sich den Regierungspflichten zu entziehen. Der Stempel des Irrsinns ließ den Fürstenkelch an ihr vorübergehen – so steht’s in Plattners Stück, das am Sonntag in der K2-Werkstattbühne des Tiroler Landestheaters uraufgeführt wurde. Und so hat’s auch die Geschichte überliefert, die es bekanntlich nicht gut meinte mit Margarete von Tirol-Görz. Ein herrisches, hässliches Weibsbild soll sie gewesen sein. Plattners virtuoser Text, der behutsam von Philipp Jeschek in Szene gesetzt wird, rüttelt an diesem Bild, ohne auf einer neuen Wahrheit zu pochen. In der beklemmenden Enge des Schwestern-Haushalts werden stattdessen Fragen aufgeworfen, wird das in die Handlung eingebaute Publikum dazu animiert, Antworten zu suchen – ohne dabei blind dem historischen Zerrbild zu vertrauen. Klassisches Geschichtsdrama ist „Maultasch“ keines, vielmehr verquickt das Kammerspiel Gegenwart mit Vergangenem und schafft es dabei, selbst der Pflegeproblematik Poesie zu verleihen – und das mit teils tiefschwarzem Humor. Als stattliche Witwe gewandet gibt Christoph Schlag den „fremdgefertigten Fußabstreifer“ namens Weirat – eine ebenfalls der Geschichte entliehene Figur, die zu niederen Diensten abgestellt ist, und sowohl Margaretes als auch Adelheids Bettpfannen leeren muss. In Jescheks ideenreicher Regie kommen dabei keine Exkremente zum Vorschein, sondern flattern Herbstblätter auf die Zuschauer. Etwas mehr als eine Stunde dauert der fesselnde Abend, der vom fabelhaften Spiel der Protagonisten lebt, die Plattners dichten Text zu einem spannenden Theatererlebnis machen. Vor allem Janine Wegener überzeugt als entrückte Landesmutti. Der Ausflug in die Untiefen der Geschichte, der eindrucksvoll von Katharina Ganner ausgestattet wird, lässt einen mit flauem Magen zurück. Aber Theater muss ja nicht immer Schonkost servieren.