Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 13.12.2015


Wien

Temporärer Zaungast im Hotel Europa

Wenig Joseph Roth, viel Prekäres zur Idee Europa: Antú Romero Nunes bezieht eine Suite im „Hotel Europa“.

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© APA



Von Bernadette Lietzow

Wien – Sich nach hinten verjüngende, an alte Aktenordner mit Metallkante erinnernde schwarze Stellwände säumen die Bühne des Akademietheaters. Matthias Koch ist dafür verantwortlich und er ist es auch, der die vier Protagonisten des ambitionierten Projektes, anhand von Texten Joseph Roths über das heutige Europa mit Mitteln des Theaters nachzudenken, mit violetten Hotelpagen-Uniformen und Kaiser-Franz-Joseph-Bärten ausgestattet hat. Aenne Schwarz, Katharina Lorenz, Fabian Krüger und, als willkommene kurzfristige Bereicherung des Burg-Ensembles, der aus Südtirol stammende Wahlberliner Michael Klammer bewegen sich mit beachtlichem Enthusiasmus durch eine zweistündig­e, streckenweise äußerst schwerfällige Textkollage, die mehr durch dramaturgische Kniffe als durch inhaltliche Schlüssig­keit besticht.

Antú Romero Nunes, an Burg und Akademietheater u. a. mit Tolstois „Die Macht der Finsternis“ oder Isabel Allendes Roman-Adaption „Das Geisterhaus“ erfolgreich, spannt Elemente aus Roths Essay „Der Antichrist“ (1934), aus „Hotel Savoy“ (1924), der Novelle „Stationschef Fallmerayer“ (1933) und aus „Die Geschichte von der 1002. Nacht“ (1939) zusammen mit Texten, die er im Probenprozess mit dem Dramaturgen Florian Hirsch und dem Ensembl­e in Reaktion auf aktuelle Beunruhigungen im Europa von heute erarbeitet hat. Nicht unbedingt zwangsläufig angesichts der literarischen Größe und der traurigen Temperatur der Werke des „heiligen Trinkers“, des ewig Unbehausten und an seiner Epoche verzweifelten Roth, graben sich eher die von Michael Klammer mit zynischem Impetus vorgetragenen zeitgenössischen Flip-Chart-Rechenoperationen zur Flüchtlingsfrage ins Zuschauergedächtnis. Die Worte des Dichters, gehüllt in eine von allen Schauspielern gefordert­e abstrakt österreichisch gefärbte Sprache, bleiben merkwürdig distanziert, was auf Kosten des Inhalts geht.

Während „Hotel Savoy“ bei Nunes eher als Rahmen Verwendung findet, liefert „Der Antichrist“, der im zerstörerischen „Gewand­e des Kleinbürgers“ Teil von uns allen sein kann, das Unterfutter für Gedankenverknüpfungen in die Gegenwart. Im Durchbrechen der vierten Wand, wenn sich Klammer mit der Frage „Was soll das?“ an das Publikum wendet, wird einerseits Bezug genommen auf die Diskurs-Sackgassen, in die, abseits von Angela Merkel, jeder wohlmeinende Europäer angesichts des politischen Rechtsrucks aufgrund der Flüchtlingssituation gerät, andererseits hindern derartige dramaturgische Eingriffe stark den Fluss der Bühnen-Erzählung. Trotzdem gelingen berührend-beklemmende Momente, wenn Aenne Schwarz und Katharina Lorenz die verzweifelte Liebe des glücklosen Fallmerayer zur russischen Gräfin Walewska nachstellen oder Fabian Krüger, angetan mit Tüllrock, eine Dame im Hotel aus Roths Kosmos mimt. Schön und sehr amüsant gelingen auch jene Szenen, in denen dem Wortwitz in der Ausprägung eines Karl Valentin Ehre erwiesen wird. Am Schluss werden riesige Glocken angeschlagen, Glocken, deren Metall einmal kriegswichtig war. Die Waffen von heut­e sind andere und noch immer nicht aus der Welt. Joseph Roths Pessimismus der späten, ebenso verzweifelten wie delirierenden Jahr­e hat noch seine Berechtigung. Nunes und sein Team haben etwas gewagt, das zwar streckenweise interessant ist, doch aber Stückwerk bleibt.

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