Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 28.05.2016


Bühne

Valium-Verwandtschaften und Denkspiel-Dröhnungen

Kein Wohlfühl-Theater: Beim Tiroler Dramatikerfestival wird mit drastischen Stoffen und experimentellen Formen gespielt.

© Tiroler Dramatikerfestival



Innsbruck – Kichernd Prosecco schlürfen, über Mode schwatzen, über Männer lästern: so viel zum klischeehaften Bild eines „Mädelsabends“, der auch bei in die Jahre gekommenen Mädchen in ist. Beim Tiroler Dramatikerfestival wird allerdings lieber zum „Damenabend“ geladen, bei dem nicht gekichert, sondern verzweifelt geweint und gierig gesoffen wird – Wein, Sekt, Schnaps, Gin Fizz. Am besten schon am Vormittag. Und Prosecco? Her damit. Wie kriegt man sonst das Valium runter?

Andrea Steinlechner taucht in ihrem Drama in die desperaten Welten von vier Frauen ein, die sich damit abgefunden haben, dass sie kein Stück vom Glückskuchen bekommen. Die eifrige Knödelfrau im rosa Hausanzug (Brigitte Jau­fenthaler) streichelt Gartenzwerge und ertränkt ihre Einsamkeit an der Hausbar, die bettlägerige Edelproletin (Monika Schmatzberger) ist ihrem Mann mehr Mutter als Ehefrau – aber solange man übers Sonntagsmahl reden kann, ist noch nicht alles verloren. Die bodenständige Weinhändlerin (Birgit Melcher) zerbricht an ihrer Geschäftstüchtigkeit und dem Zwang, jedem alles recht machen zu wollen. Wäre noch die toughe, alle Sorgen beiseiteschnippende Anwältin (Tamara Burghart), die sich nach Erniedrigung und Peitschenhieben sehnt – weil sie sich nur noch so spürt. Facetten dieser Figuren kennt man aus dem echten Leben, in ihrer Verdichtung lassen sie einen hoffnungslos zurück. Daran kann auch die einzige ansatzweise positive Figur nichts ändern: Via Videowall kommt die Gastgeberin, eine freiheitsliebende Schriftstellerin (Constanze Köberl), ins Spiel – und schreibt in der eindringlichen Regie von Judith Keller das dystopische Stück, während es gespielt wird. Ein gnadenloser Abend, der die Schattenseiten des Frauseins entlarvt. Ein bisschen Sonne hätte nicht geschadet.

Michaela Senns dramatische Installation „Medeas Nightmare“ dekonstruiert indes klassische Bühnen-Muster, verzichtet auf Schauspieler und verwandelt die Handlung in Sprache. Umrahmt von mehreren Screens, die Bilder von Krieg und Gewalt zeigen, taucht die Autorin – begleitet von dröhnendem Live-Bass – in ihren dichten Text ein, der um die Festung Europa kreist. Und einen ob der Flut an Verfremdungen doch etwas ratlos zurücklässt. (fach)




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