Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 18.06.2016


Bühne

Die Geschichte und was daraus gemacht wurde

Mehr Stückwerk als Stück: Felix Mitterers Einsiedler-Drama „Märzengrund“ wurde bei „stummer schrei“ uraufgeführt.

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© Felix Gorbach



Stumm – Als junger Mann zog Elias aus. Es zog ihn hinaus. Er musste weg. Weg von den Leuten, vom heimischen Hof, den er irgendwann nach entbehrungsreicher Gurkenwasser-Kur übernehmen sollte. Weg von Vorbestimmung, verhinderten Lieben, Verantwortlich- und Verbindlichkeiten. Hinaus in den Wald, hinauf auf den Märzengrund, wo der Kopf endlich zur Ruhe kommt – und der Körper sich nach und nach auflöst. 40 Jahre wird Elias im Gebirge bleiben. Erst der Krebs erzwingt die Rückkehr wider Willen. Mit letalen Folgen.

„Märzengrund“, Felix Mitterers neues Stück, das am Donnerstagabend im Rahmen des Zillertaler Festivals „stummer schrei“ uraufgeführt wurde, zeichnet einen authentischen Fall, eine wahre Geschichte nach. Und das, was aus dieser Geschichte gemacht wurde: das Gespött über einen Verrückten, aber auch Verständnis und Faszination für den Eigenbrötler. Trotzdem muss man sich fragen: Was ist „Märzengrund“ eigentlich? Eine Volkstheaterversuchsanordnung? Ein gesellschaftskritisches Sittenbild? Anklage oder psychopathologische Außenseiterstudie? Trauriges Aussteigermärchen? Hochalpines Mysterienspiel? Die Verteidigung eines vermeintlich Verrückten? Das Porträt eines Eigensinnigen? Die Chronik einer ganz privaten Rebellion? Von allem ein bisschen. Aber nichts davon ganz.

Gerade im Theater kann viel schon mal zu wenig sein. Wirklich in den Griff kriegt das Stück das fraglos akribisch gesammelte Material über den Einsiedler nicht. Nichts wird begreifbarer. Nachfühlbar vielleicht. Nachvollziehbar aber nicht. Vielmehr bleibt jede der chronologisch aufgefädelten Szenen ein Deutungsangebot für sich. Uneindeutigkeit kann durchaus eine Stärke sein. Im Fall von „Märzengrund“ aber ist sie ärgerlich, weil schnell klar wird, dass keiner der eingeschlagenen Wege irgendwo hinführt.

Anders als in Henry David Thoreaus „Walden“, dem Mitteres Einsiedler-Drama einiges verdankt, fehlt die klar umrissene Programmatik. Mitterer behandelt den Einsiedler als Mythos, irgendwo zwischen „Geierwally“ und Franz von Assisi. Daran abarbeiten will er sich allerdings nicht. Wa­rum auch? Es reicht doch, diese außerordentliche Geschichte auszustellen. Schließlich hat sie sich ja so zugetragen. Trotzdem: Ein gutes Stück ist mehr als eine erzählenswerte Geschichte. „Märzengrund“ hingegen bleibt eher Stückwerk. Es gibt schöne Momente, keine Frage. Auch dank Regisseur Konrad Hochgruber, der sich bemüht, die Suchbewegungen der Vorlage durch betont konkrete Bilder und reduziertes Dekor zu erden und selbst manch unheilvoll drohende Kitsch-Gefahr durch szenische Klarheit abzuwenden. In feiner Choreografie fließen auf Johannes Schlacks in drei Ebenen gestaffelter Bühne Stimmen und Stimmungen ineinander. Im Zentrum: natürlich Elias. Heinz Tipotsch spielt ihn famos: störrisch und verletzlich. Auch Fritz Gasser (als Hirte) und Gebhard Eberhart (als Jäger) überzeugen durch authentischen Ausdruck. Christoph Stocks im Detail feinsinnige Bühnenmusik freilich hat über weite Strecken nur die Funktion eines anregenden Pausenfüllers. (jole)

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