Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 12.09.2016


Sprachsalz

Das Alberne und die Arbeit daran

„Trotzdem, aber vielleicht gerade deswegen“: Das 14. Sprachsalz-Festival gab literarische Lektionen in Sachen besser Scheitern.

Ernst Gossner liest John Cleese – und Cleese spielt mit.

© Denis Moergenthaler | PHOTOGRAPHErnst Gossner liest John Cleese – und Cleese spielt mit.



Von Joachim Leitner

Hall – Gegen Lampenfieber, sagt John Cleese, helfe nur jahrelange Routine und im besten Fall eine Maske, hinter der man sich verstecken kann. Dass es notfalls auch ein Hut tut, bewies die 76-jährige „Monty Python“-Legende bei ihrem ersten Tirol-Auftritt am Samstagabend beim Haller Literaturfestival Sprachsalz. Den alles Unheil abwendenden Kopfschmuck lieh sich Cleese vom Tiroler Filmemacher Ernst Gossner, der in einer mitreißenden Leseperformance zu Cleeses deutscher Stimme wurde. Weshalb dieser sich ganz unbehütet aufs anschauliche Grimassieren konzentrieren konnte. Und es sichtlich genoss, dass er eingeladen wurde, um „nothing“ zu machen. Schließlich könne er „nothing“ ganz besonders gut. Abschließend zeigte sich Cleese aber doch von seiner ernsten Seite: Es sei hart, ein Komiker zu sein, wenn sich die Welt als alberner erweise, als man selbst je sein könnte. Womit der Stargast das vielleicht zentrale Thema der 14. Auflage der internationalen Literaturtage Sprachsalz auf den Punkt brachte. Kaum eine Lesung, kaum ein Gespräch, das sich nicht als Abarbeit an den alltäglichen Albernheiten deuten ließ. Alina Simone zum Beispiel: Die im ukrainischen Charkow geborene US-Musikerin hat ein wunderbar unweinerliches Buch über die Unterhaltungsindustrie geschrieben, die ihr übel mitspielte. Wenige Wochen, nachdem ihr Roman „Ich wollte Einhörner“ auch auf Deutsch erschien, wurde der Verlag wegrationalisiert. Ein tragikomischer Gag im Vergleich zu den Texten der libanesischen Autorin Iman Humaidan, die das Thema Flucht verhandelt: mörderische Absurditäten, die Alltag werden – und sich in ihrer existenziellen Dimension kaum begreifen, aber erfühlen lassen.

Im Vergleich dazu nehmen sich Österreichs tagespolitische Possen, in denen nicht zuletzt die Fluchtthematik als Vorwand für alberne Auftritte herhalten muss, einigermaßen lächerlich aus: Uta Köbernick, deutsch-schweizerische Vortragskünstlerin, die heuer mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet wurde, greift sie trotzdem auf. Ihr Song „Fifty-Fifty“ entstand als Reaktion auf den Bundespräsidentschaftswahlkampf, der gerade ein Comeback mit ungewissem Stichtag feiert. Ein Highlight.

Ein weiteres Lied von Köbernick, die am Samstagabend gemeinsam mit dem Schweizer Romancier Rolf Lappert, der den „Pampa-Blues“ anstimmte, und dem Isländischen Polit-Punk Jón Gnarr die Vorbands für Headliner John Cleese gaben, handelte vom Scheitern. Was wiederum an Samuel Beckett gemahnt, an den Moderator Alexander Kluy bereits am Nachmittag erinnerte: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better.“ Auch das ein Leitmotiv, des diesjährigen Festivals: besser scheitern – und dabei nicht den Humor verlieren.

Kaum ein Programmpunkt führte das eindrücklicher vor Augen als der von Sprachsalz in Kooperation mit den Schwazer Klangspuren ausgerichtete sprachmusikalische Abend am Freitag: Neben Werken von Enno Poppe, Brian Ferneyhough, Hakan Ulus und Hannes Kerschbaumer brachte das IEMA Ensemble Frankfurt auch eine Komposition des Dänen Simon Steen-Andersens auf die Bühne: Darin zerlegen manche Musiker ihre Instrumente – und versuchen zuhörends verzweifelter gegen den Rest des Ensembles anzuspielen. Und schon der Titel machte klar, was der ganze Aufwand soll: „Trotzdem, aber vielleicht gerade deswegen.“ Anders lässt sich der Absurdität des Alltäglichen nicht beikommen. Dann ist auch Lachen erlaubt, weil es die dahinterliegende Dramatik nicht verschleiert. Und solange die Menschen lachen, kommen sie nicht auf dumme Gedanken. Sagt John Cleese. Auch damit war es ihm ernst.

Der isländische Polit-Punk Jón Gnarr war einer der Publikumslieblinge des diesjährigen Festivals.
Der isländische Polit-Punk Jón Gnarr war einer der Publikumslieblinge des diesjährigen Festivals.
- Andreas Rottensteiner / TT