Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 22.09.2016


Tiroler Landestheater

Emanzipation zwischen Traum und Wirklichkeit

Mit Antonín Dvorˇáks Oper „Rusalka“ wird am Samstag die Saison am Tiroler Landestheater eröffnet. Regie führt TLT-Debütant Thilo Reinhardt.

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© TLT/Larl



Von Christiane Fasching

Innsbruck – 115 Jahre ist’s her, dass Antonín Dvorˇáks lyrische Märchenoper „Rusalka“ in Prag uraufgeführt wurde – und das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriss. Am Samstag kommt es nun am Tiroler Landestheater zur Innsbrucker Erstaufführung des Stoffes, für den sich Librettist Jaroslav Kvapil einst von Hans Christian Andersens Märchen „Die kleine Meerjungfrau“ und Gerhard Hauptmanns Drama „Die versunkene Glocke“ inspirieren ließ – und dessen Handlung bei Regisseur Thilo Reinhardt mit einem Museumsbesuch beginnt. Seine Rusalka ist eine junge Frau, die im Rollstuhl sitzt und von Hoffnungen und Sehnsüchten getrieben wird. Sie träumt davon, gehen zu können, sie giert danach, geliebt zu werden und glaubt, im Bildnis einer Nixe ihre Seelenverwandte gefunden zu haben.

Reinhardt, der mit „Rusalka“ sein Landestheater-Debüt gibt, hält die Oper für zeitlos, weil „eine Lebensphase beschrieben wird, die wir alle erlebt haben: Beim Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenleben verwandelt man sich – innerlich wie äußerlich. Man wechselt die Welten.“ So gesehen wird hier eine „Emanzipationsgeschichte“ erzählt, die zwischen der Wirklichkeits- und der Traumebene pendelt und unter der musikalischen Leitung von Francesco Angelico auch klanglich ins Innenleben der Hauptfigur entführen soll. Immer tiefer wird Rusalka in eine Traumwelt hineingezogen, in der sie zwar gehen kann, aber in der sie auch zum Stummsein verdammt ist – und einem Albtraum entgegensteuert. Denn der Prinz, dem sie ihre Liebe schenken will, erwidert diese nur kurz und führt ihr die Unmenschlichkeit der menschlichen Welt vor Augen.

Dass es so lange gedauert hat, bis „Rusalka“ den Weg auf die Landestheater-Bühne gefunden hat, hängt für Reinhardt mit der Besetzungsschwierigkeit der Titelrolle zusammen: „Das ist eine Ausnahmepartie wie die Salome: Man braucht eine junge Frau, die hochdramatisch singen muss.“ Sagt’s und freut sich, in Innsbruck „das große Los“ gezogen zu haben. „Mit Anna-Maria Kalesidis hat man die Idealbesetzung gefunden“, ist er überzeugt. Die russische Sopranistin gibt mit der Rusalka ihr Debüt am Landestheater. Das gleiche gilt für Bühnenbildner Paul Zoller, mit dem Reinhardt schon in zahlreichen Produktionen zusammengearbeitet hat.

Bei der Gestaltung des „Rusalka“-Universums ließ sich der gebürtige Innsbrucker Zoller, der bereits in Berlin, Zürich, Paris und New York gewirkt hat, unter anderem von der Tiroler Naturkulisse inspirieren, wie Reinhardt verrät. Eine Kulisse, die auch den Regisseur nachhaltig beeindruckt hat. „Das ist eine harte Konkurrenz für das Theater“, schmunzelt der Heidelberger – und wird wieder ernst, als es um die Zusammenarbeit mit Zoller geht. „Wir sind auf einer Wellenlänge – und haben große Lust daran, gemeinsam über Stücke zu phantasieren und die passenden Bilder dafür zu finden.“ In diese Bilder fließt auch die Freudsche Traumdeutung mit hinein, die nahezu zeitgleich mit Dvorˇáks Oper entstand und die Dramaturgie des Stoffes prägte. „Rusalkas Gefühl der Stummheit kann als psychologisches Element gedeutet werden und ist auch ein Baustein von Albträumen: Man kann nicht kommunizieren, obwohl man so laut wie möglich schreit“, sagt Reinhardt, der vor seiner Regielaufbahn drei Jahre Medizin studierte – und sich auch in seinem zweiten Bildungsweg das „Interesse am Menschen“ bewahrt hat.

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Während sich das Landestheater für die Saisoneröffnung rüstet, ist Johannes Reitmeier andernorts aktiv. Haben diese Woche doch in Salzburg die Proben für Engelbert Humperdincks Weihnachtsklassiker „Hänsel und Gretel“ begonnen, bei dem der Landestheater-Hausherr die Regiefäden in der Hand hat. Die Premiere findet am 30. Oktober in der Felsenreitschule statt.