Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 25.10.2016


Bühne

Liebesleid zwischen Staat und Kirche

Amélie Niermeyer und Karel Mark Chichon mit Gaetano Donizettis „La Favorite“ an der Bayerischen Staatsoper.

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© Wilfried Hösl



Von Jörn Florian Fuchs

München – Eigentlich ist die Sache von Anfang an klar. Zu den ersten Takten der von Karel Mark Chichon formschön und feurig dirigierten Ouvertüre wandert ein Paar im Bühnennebel umher, es sucht und findet sich einen Moment lang. Und doch ahnt man, dieses Glück währt nicht für längere Zeit, ja, es ist bereits vorbei, bevor es wirklich angefangen hat.

In den kommenden vier Akten von Gaetano Donizettis „La Favorite“ wird nun heftig gegen geistliche und weltliche Verhinderer des Liebesglücks gekämpft. Das kann man durchaus nachvollziehen, die holde Léonor ist schließlich Mätresse von König Alphonse dem Elften, während ihr Geliebter Fernand ursprünglich Mönch werden wollte. Das Libretto verhandelt die Konflikte zwischen Personen und Institutionen großteils feinfühlig, immer wieder aber recht grob und kantig. Auch Donizetti schafft Klangtableaux, die zeitweise recht rüde aufeinanderfolgen. Ein Seelendrama auf gebirgigem Gelände ist das und das Bayerische Staatsorchester mit seinem Gastdirigenten Karel Mark Chichon (übrigens der Ehemann von Elina Garanca) interessiert sich besonders für klamme Klüfte und schroffes Gestein.

Auch sängerisch gibt es viel Härte und Lautstärke, Elina Garanca porträtiert Léonor mit metallischem Sehnsuchtsfuror, Matthew Polenzanis Fernand besitzt viel vokale Kraft, in den Höhen klirrt es allerdings immer wieder bedenklich. Eine Wucht ist der finnische Bassist Mika Kares als Klosterchef, exzellent auch Mariusz Kwiecien als König. Letzterer befummelt seine Mätresse gern und ausführlich, was diese eher mäßig enthusiastisch duldet, sich aber einmal immerhin mit einem beherzten Griff in des Königs Schritt revanchiert.

Amélie Niermeyer inszeniert erstmals in München und wählt für den heißblütigen Stoff eine insgesamt eher ruhige Lesart. Zwei Räume verschalten sich häufig miteinander, ein kalter großer Saal – vielleicht eine Behörde – und das Kloster, hier sieht man ein Kruzifix im Hintergrund, an den Seiten hängen Madonnen, die höchst lebendig ihre Gliedmaßen bewegen. Bei einigen intimeren Szenen lässt Niermeyer stille Beobachter auftreten, die das Ganze manchmal gestisch kommentieren. Während einer längeren Ballettmusik sieht man das Paar Léonor/Fernand in einem Kino, die Handlung des Films bleibt unsichtbar, spiegelt sich aber in den Gesichtern und Bewegungen der beiden wieder. Später erscheinen die Mönche des Klosters mit taschenlampenhaften Glühbirnen, auch das hat etwas Filmisches.

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Niermeyer arbeitet in ihren Inszenierungen ja oft mit Mitteln des Kinos, wobei das in der „Favorite“ nun eher dekorativ wirkt – Wirkung entsteht dennoch. Das Publikum reagierte überraschend zornig auf diese handwerklich sehr saubere und letztlich doch nah an der Vorlage bleibende Regie.