Letztes Update am Mi, 09.11.2016 10:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Dominique Mentha: „Heftig sein, um etwas zu bewegen“

Dominique Mentha kehrt mit einer Neuinszenierung von Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ ans Landestheater zurück, wo er in den 1990er-Jahren als Intendant für Aufbruch und Aufregung sorgte.

© Thomas Boehm / TTRückkehr ans Landestheater: Dominique Mentha, gereift, aber immer noch am Puls der Zeit. Er will Regisseur, aber kein Intendant mehr sein.



Innsbruck – Der Schweizer Dominique Mentha, Jahrgang 1955, übernahm 1992 die Intendanz des Tiroler Landestheaters. Seine neuen Ansätze und Provokationen lösten bei einem Teil des Publikums Zustimmung, bei vielen – auch theaterfernen – Menschen aber Irritationen aus. Es hagelte Proteste und Anzeigen wegen Blasphemie. Mentha setzte bekannte, weniger gespielte und neue Werke an, zeitgenössische Musik und Gegenwartsdramatik, bot moderne Inszenierungen und förderte junge Talente. Die internationale Fachkritik wurde auf Innsbruck aufmerksam. 1999 wechselte Mentha als Intendant an die Wiener Volksoper, teils erfolgreich, teils umstritten. 2003 verließ er vorzeitig das Haus und ging 2004 als Intendant an das Luzerner Theater. Dort gelang ihm ein starker Aufschwung. Auf eigenen Wunsch verließ er Luzern mit Saisonende 2016. Am Tiroler Landestheater inszeniert er derzeit Mozarts Oper „Die Hochzeit des Figaro“, Premiere ist am 12. November.

Herr Mentha, Sie sind seit dem Sommer befreit von allen Intendanzen – Entzug oder Freiheitsgefühle?

Dominique Mentha: Freiheitsgefühle. Ich möchte kein Theaterleiter mehr sein.

Eine gute Basis für die Rückkehr nach Innsbruck?

Mentha: Ich denke gut zurück. Im Theater habe ich mich zunächst fast nicht mehr ausgekannt, viel ist geschehen seit 1999. Die neuen Proberäumlichkeiten habe ich noch in Bewegung gesetzt.

Sie waren, als sie an das Tiroler Landestheater kamen, Mitte dreißig und wurden zum unkonventionellen Bindeglied zwischen den Intendanzen von Helmut Wlasak und Brigitte Fassbaender.

Mentha: Ich begann als jüngster Intendant des deutschsprachigen Raumes und wusste, das wird eine Umbruchzeit. Es waren stürmische Zeiten am Anfang. Ich habe mich später gefragt, ob das nicht zu heftig war, aber nein: Es muss sein, wenn man etwas bewegen will.

Sie haben das Theater aktualisiert und Ihren Nachfolgern damit Wege bereitet. Wie war der Anfang und nun der Abschied in Luzern? Sie haben das Haus hochgezogen mit Ihrer bekannten Mischung aus Bekanntem, zahlreichen Uraufführungen und Newcomern.

Mentha: Der Abschied war üppig, der Anfang schwierig. Da lag die Auslastung bei 50 Prozent, dann aber ging es über 80 Prozent. Luzern hat eine große Kulturkompetenz, da soll es im Theater engagiert mit neuen Aspekten weitergehen.

Wie sehen Sie mit dem Zeitabstand von 18 Jahren das Tiroler Landestheater?

Mentha: Dieses Haus ist eine Herausforderung, aber attraktiv, es hat Qualität. Das ist kein Pipifaxtheater.

Jetzt inszenieren Sie hier schon zum zweiten Mal Mozarts Oper „Die Hochzeit des Figaro“. Wie kam es dazu?

Mentha: Mit Intendant Reitmeier sprach ich über Johannes Maria Stauds Oper „Die Antilope“, die ich in Luzern uraufgeführt habe und nun noch in Köln und Wien mache, und da bot er mir „Figaro“ an. Dass ich die Oper hier schon inszeniert habe, stört ihn nicht. Ich habe ja ein ganz anderes Ensemble.

Wie viel Bedeutung hat das?

Mentha: Sänger müssen Einfluss nehmen, ich möchte das so. Die Opernfiguren entstehen aus der Persönlichkeit der Sänger. Mit einem neuen Ensemble braucht man Zeit, um zu sehen, was die Sänger anbieten und was ich ihnen bieten muss. Wenn ich weiß, was sie können und wollen, kann ich Eigenverantwortung einfordern. Die jungen Sänger werden immer begabter, sängerisch und darstellerisch.

Wie sehen Sie Mozarts „Figaro“?

Mentha: Es ist ein politisches Stück, das Mozart interessierte, weil er viele komische, untypische Szenen vertonen konnte. Dahinter steht das politische Engagement. Das einzubringen, war sein Genie, da ist vieles, was nur ein Mozart umsetzen konnte.

Apropos Johannes Maria Staud. Wie wählen Sie für neue Werke die Komponisten aus?

Mentha: Ich suche nach Komponisten, die die Menschen mit ihrer Musik treffen könnten. Staud ist so ein kommunikativer Komponist. Ich bin in die Zeit einer aktuellen Musik hineingeboren, die mir zwar manchmal zu theorielastig war, die aber etwas aufbrechen konnte. Eine positive Seite der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik ist, dass vieles möglich ist.

Zu Ihrem Finale in Luzern erschien das Buch „Dominique Mentha – Eine Spurensuche. Theaterarbeit in Luzern, Wien, Innsbruck“. Da findet sich Ihr Satz: „Theater ist Gedächtnis, Innovation und Unterhaltung.“ Eine bleibende Aussage?

Mentha: Ja, ein Leitsatz, der aber auch missverstanden wird. Denn es geht nicht um die einzelnen Elemente in einem Werk, einer Arbeit müssen alle drei Elemente enthalten sein.

Sie inszenierten „Lustige Witwe“, „Czardasfürstin“, „Im weißen Rössl“, „Der Vetter aus Dingsda“, auch Offenbach – wir dachten, Sie mögen Operette nicht. In Innsbruck haben Sie daran viele Stile ausprobiert.

Mentha: Es ist nicht so, dass ich Operette nicht mag. Ich wollte nur in Innsbruck nicht so viel Operette machen, rechnete nicht mit dieser Präsenz in Österreich. Dann holte ich dafür junge Regisseure.

Womit wir, abgesehen von Projekten wie dem schweizerischen Haefliger-Gesangswettbewerb und künftigen Inszenierungen (Verdi, „Luisa Miller“, Staatstheater Kassel im Dezember), beim Ausgangspunkt Freiheit sind. Wo ist nun Ihr Lebensmittelpunkt?

Mentha: Ich lebe jetzt im schweizerischen Biel und in Graz. Meine Frau stammt aus Seattle, USA, und dort haben wir ein Haus auf einer Insel vor der Stadt, direkt am Meer.

Das Gespräch führte Ursula Strohal