Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 03.12.2016


Bühne

Biedermeier trifft Lollipop

Nestroys „Das Mädl aus der Vorstadt“ in der Josefstadt: Michael Schottenbergs sorglose Referenz an den klarsichtigen Spötter und Meister des Sprachwitzes.

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© APA/ROLAND SCHLAGER



Von Bernadette Lietzow

Wien – Michael Schottenberg sagte im vergangenen Jahr, nicht sehr leise, Servus zum Theaterleben. Da übergab er nach zehn Jahren Intendanz das Volkstheater seiner Nachfolgerin Anna Badora und wollte hinkünftig auch als Regisseur und Schauspieler Bühnen-Abstinenz üben. Dass der Plan nun auf ein knapp einjähriges „Sabbatical“ geschrumpft ist, verdankt sich dem Entschluss von Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger, gleich zwei Produktionen dieser Spielzeit den Händen „Schottis“ anzuvertrauen. Bevor im Jänner mit „Harold und Maude“ der 90. Geburtstag der großen Erni Mangold gebührend gefeiert wird, hob Schottenberg, der als Schauspieler auch in der Josefstadt eine Heimstatt hatte, am Donnerstag ebendort seine Inszenierung von Johann Nepomuk Nestroys „Das Mädl aus der Vorstadt“ aus der Taufe.

1841 erlebte die Posse, versehen mit dem Zweittitel „Ehrlich währt am längsten“, am Theater an der Wien ihre Uraufführung und sollte zu einem der größten Erfolge Nestroys werden. „Psychologische Quadrillierungen“, wie es im Stück heißt, gibt es da zuhauf. Großes Geld-, Geiz- und Liebes-Gramuri bietet rund um Thekla (Daniela Golpashin), die junge Stickerin aus der Vorstadt, an die der wohlhabende Herr von Gigl (Matthias Franz Stein) sein Herz verliert, klassische Nestroy-Wirrnisse. Etwas „inkommodiert“ ist man von der bei Nestroy, gern­e auch bei Goldoni, praktizierten Regieidee, die Typenkomödien in einem Kolorit der 1950er-Jahre „rocken“ zu lassen, dem der zweifelhafte Charme verschwitzter Perlon-Kleidung innewohnt. Es bleibt ein Rätsel, wieso man, wie auch Regisseur Schottenberg, die Radikalität und anhaltende Aktualität Nestroys auf den Lippen führt, und dessen Stück dann im wohl verlogensten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ansiedelt, dabei zudem noch bereitwillig den Herrenwitz eines Heinz Erhardt oder Peter Alexander bemühend. Schade um Nestroys in die Windungen der ihn umgebenden Biedermeierlichkeit hinein geschraubten Sprachwitz und seine beißende Gesellschaftskritik, die im lasziven Lollipop-Genuss, zu dem der Chor der leichten Vorstadtmädeln (u. a. Josephine Bloéb) zwischen Hollywood-Schaukel und Rosenrabatten (Bühne: Hans Kudlich) verdammt ist, Schiffbruch erleidet.

Leider zu bereitwillig ergeben sich auch Josefstädter Schauspieler-Säulen wie Martin Zauner als geizig-­intriganter Spekulant Kauz und Siegfried Walther als ordinärer Entrepreneur der frivolen Art Saftl der allzu vordergründigen Interpretation ihrer weitaus komplexeren Figuren. Anders in ihren wunderbar verqueren Nestroy-Gestalten stehen – und das macht Schottenbergs „Mädl aus der Vorstadt“ doch sehenswert – Michou Friesz mit ihrer kapriziös-einsamen Frau Erbsenstein und Thomas Kamper, der sich des Winkelagenten Schnoferl mit virtuoser ironischer Verzweiflung und großem Gespür für Zwischentöne annimmt. Beide liefern zudem höchst zuhörenswerte, gekonnt windschiefe Couplets, wobei der Regisseur angesichts der Polit-Desaster in (Wahl-)Zeiten wie diesen auf Aktualisierungen verzichtet hat. Großer Schluss-Applaus für einen zu leichtgewichtigen Nestroy-Abend.