Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 09.02.2017


Bühne

Anstand statt Anstellung

Bis in die 1960er-Jahre war der Ratgeber „Vom Eros zur Ehe“ eine übliche Brautspende in Tirol, wo berufstätige Frauen als Ursache für gesellschaftliche Probleme gesehen wurden.

Berufstätige Frauen wurden in den 1950er-Jahren als selbstsüchtig verteufelt: Gemäß den bürgerlichen Moralvorstellungen sollte eine Frau zuhause bleiben und sich um die Familie kümmern.

© APA Picturedesk/TV-YesterdayBerufstätige Frauen wurden in den 1950er-Jahren als selbstsüchtig verteufelt: Gemäß den bürgerlichen Moralvorstellungen sollte eine Frau zuhause bleiben und sich um die Familie kümmern.



Von Christiane Fasching

Innsbruck – „Viele Liebes­ehen gehen im ersten halben Jahr zugrunde, weil die junge Frau die Ehe geistig und technisch-praktisch nicht bewältigen kann“, heißt es in Hans Wirtz’ Ratgeber „Vom Eros zur Ehe“, der 1938 erstmals im Tyrolia Verlag erschien und in der Folge zum Bestseller avancierte. Darin erfuhr man nicht nur, dass „Härte die größte elterliche Liebe“ ist, sondern wurde auch eindringlich vor vorehelichem Geschlechtsverkehr gewarnt – dieser könnte nämlich Frigidität zur Folge haben, die im schlimmsten Fall zum muskelverkrampfenden „Vaginismus“ führen würde.

Bis 1966 wurden Wirtz’ fragwürdige Tipps fürs Eheleben sechsmal aufgelegt und frisch angetrauten Paaren von Gemeindeseite überreicht, wie die Innsbrucker Politikwissenschafterin Alexandra Weiss erklärt. „Aus heutiger Sicht wirken die Theorien natürlich lächerlich, aber man muss sich vor Augen führen, dass elementares Wissen über Sexualität weitgehend fehlte“, sagt Weiss. Und kommt auch auf Wirtz’ Verteufelung des Coitus interruptus zu sprechen, der bei Frauen angeblich zu gefährlicher Blut- und Lymphüberfüllung der Beckenorgane führen würde. Weiss: „Man hat mit derlei Drohszenarien versucht, Moralvorstellungen, die im Untergehen begriffen waren, aufrechtzuerhalten.“ Gerichtet waren die Ratschläge in erster Linie an die Frau, der nahegelegt wurde, den „allerwichtigsten Beruf“ – nämlich den der Hausfrau und Mutter – als Berufung zu verstehen.

„Vor allem in konservativ-katholischen Kreisen wurden berufstätige Frauen damals als selbstsüchtig und unmoralisch verteufelt – und als Ursache für gesellschaftliche Probleme wie die in den 1950er-Jahren viel diskutierte Jugendverwahrlosung angesehen“, sagt Weiss, die am Freitag im Gemeindemuseum Absam im Zuge eines Vortrags tiefer in die Moral-Materie eintaucht. Und dabei auch an Bischof Paulus Rusch erinnert, der beispielsweise die Situation in Fabriken, in denen Männer und Frauen gemeinsam am Fließband standen, ob des „scheußlich erotischen Klimas“ für eine sittliche Gefährdung hielt. Dass viele Frauen aufgrund der wirtschaftlichen Bedingungen schlichtweg arbeiten gehen mussten, blendeten die Sittenwächter aus.

Aber nicht nur die Frau, sondern die Arbeiterklasse im Allgemeinen wurde dereinst von bürgerlicher und bäuerlicher Seite als unanständig abgewertet. Laut Weiss hat das damit zu tun, dass Arbeiter und Arbeiterinnen aufgrund ihrer geringeren Bildung als anfälliger für die aufkommenden Massenmedien galten, die als Bedrohung wahrgenommen wurden, weil man fürchtete, dass sie traditionelle, moralische Vorstellungen unterwandern würden. Darüber hinaus kam ab Mitte der 1950er-Jahre das Phänomen der „Halbstarken“ auf, die wie ihre Idole – Elvis Presley oder Little Richard – einen Working-Class-Background hatten und ebenfalls als Gefahr für die Gesellschaft galten.

Aber zurück zu Hans Wirtz’ Ratschlägen für ein Leben zu Zweit: Wer als „ungeschickte Hausfrau“ in die Ehe geht, sollte dieses Manko alsbald aus dem Weg räumen, heißt es da. Derlei Unzulänglichkeiten würden nämlich nur kurz vom „Mantel der Liebe“ überdeckt. Deshalb der Rat: „Das junge Mädchen kann nicht früh genug beginnen, sich tüchtig in allen schönen Künsten der Hauswirtschaft zu tummeln.“ Wirtz hatte Witz. Zumindest unbewusst.