Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 16.03.2017


Bühne

Tanz auf einer sehr dünnen Eisschicht

Der Theaterverein Rum spielt das Musical „Next to normal“ über eine bipolare Mutter und bricht damit eines der letzten Tabus.

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© Peischer



Von Alexandra Plank

Rum – Die Sexualität, die Gewalt, all das sind Tabus, die auf den Theaterbühnen dieser Welt in epischer Breite abgehandelt wurden. Nun scheint nur noch ein Tabu der theatralischen Auseinandersetzung zu harren: Nahezu manisch arbeiten sich Kunstschaffende an psychischen Krankheitsbildern ab. Interessanterweise scheint vor allem die bipolare Erkrankung, einst als manisch-depressiv recht anschaulich charakterisiert, die Menschen in den Bann zu ziehen.

Unlängst feierte die Premiere des Stückes „Die Welt im Rücken“ von Autor Thomas Melle am Akademietheater viel umjubelte Premiere. Der Deutsche, der selbst an bipolaren Phasen leidet, hat seine Krankheit ungeschminkt beschrieben: „Wenn Sie bipolar sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr. Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Maße bedroht sie Ihre Zukunft. Mit jeder manischen Episode wird Ihr Leben, wie Sie es kannten, weiter verunmöglicht. Die Person, die Sie zu sein und kennen glaubten, besitzt kein festes Fundament mehr. Sie können sich Ihrer selbst nicht mehr sicher sein“, beschreibt Melle. Doch nicht nur auf der großen Bühne, auch im Laiensektor ist das Thema angekommen. Nach sehr erfolgreichen Musicalproduktionen wie „My Fair Lady“ und dem Märchen-Musical „Aida“ wagen die Rumer einen Grenzgang. Ab Freitag wird das Musical „Next to normal“ gezeigt. Es handelt von einer bipolaren Mutter und deren Leben, das immer hart an der Grenze verläuft. Spielleiter Martin Moritz erklärt, dass die Fangemeinde der Bühne bisher etwas verhalten reagiert: „Viele Leute sagen: Wir warten einmal ab und schauen, was die Leute so von der Premiere erzählen.“ Für Moritz steht fest, dass es wichtig ist, derartige Themen nicht auszusparen: „Jeder ist von dieser Thematik betroffen. Jeder kennt jemanden, der an einer psychischen Krankheit leidet“, so der Spielleiter.

Dennoch gebe es immer noch große Vorbehalte. Wobei Moritz hier nicht per se Bösartigkeit ausmacht. Ein Psychotherapeut hat es so beschrieben: „Jeder Mensch, der sich die Zeit nimmt, sich hinsetzt und nachdenkt, weiß, wie unglaublich dünn diese Eisschicht namens Leben ist, auf der wir uns alle bewegen.

Was ist verrückt, im Sinne von nicht ganz mittig, und was ist normal? Der Übergang ist fließend.“ Das Musical-Team um Regisseurin Ursula Lysser und den musikalischen Leiter Thomas Prenn wird von einem Psychiater fachlich beraten. Die Hauptrolle spielt Sibylle Giner, die zwar viel Erfahrung als Sängerin hat, aber theatralisches Neuland betritt. „Ich finde, es ist hoch an der Zeit, dass dieses Thema im Musical ankommt. Die Regisseurin hat mich gecastet, weil sie fand, dass ich die nötige Verletzlichkeit mitbringe.“ Abgesehen von der Thematik bestehe das Musical aber aus wirklich hervorragenden Gesangsnummern, die unglaublich stimmig und einzigartig seien. „Wenn die Mutter singt: Ich vermisse die Berge, dann sind eigentlich die Höhepunkte im Leben gemeint“, erläutert Giner.

Die Figur kann die Mutter zweier Kinder im Theater lassen. „Das Musical nimmt eigentlich eine positive Wendung. Vielleicht kann ich damit einigen Frauen helfen, die in einer ähnlichen Situation sind.“ Alle Informationen zum Stück gibt es auf der Homepage www.theater-rum.at. Premiere ist am Freitag, 17. März, 20 Uhr im FoRum.