Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 11.06.2017


Wiener Festwochen

Die Welt ist bunt, wenn man es will

„Traiskirchen. Das Musical“ als bejubelte Uraufführung bei den Wiener Festwochen: Gutmenschen, Flüchtlinge, Attraktionen.

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© Festwochen/Schäfer



Von Bernadette Lietzow

Wien – Das Lagermaskottchen, eine Schildkröte, die die Lagerleitung schon im Kochtopf eines ihrer anvertrauten Flüchtlinge wähnte, hat sich nach Schweden abgesetzt. Immerhin ist dort die Kürzung der Mindestsicherung noch kein Thema. Absurde kleine Vignetten wie diese, Geschichten von Krieg und Folter, von der Kraft des Miteinander und viel Musik bestimmen die Festwochen-Uraufführung „Traiskirchen. Das Musical“, die am Freitag als Koproduktion mit dem Wiener Volkstheater ebendort Premiere feierte.

Mitten hinein in den „Sommer der Solidarität“, in die Hitze des Augusts 2015, als die doch ziemlich flüchtige „Willkommenskultur“ neben schönen Blüten auch solche von Chaos und Konfusion trieb, führt ein technisch kunstfertiger Theaterabend, der in seinem gut gelaunten Engagement doch etwas stutzig macht. Masterminds hinter der Produktion sind die Regisseurin Tina Leisch und der Schauspieler Bernhard Dechant, die 2015 mit der Gründung des Kollektivs „Die schweigende Mehrheit“ Geflüchteten eine künstlerische Stimme gaben.

Die erste Aktion, „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“, erhielt nicht nur den Nestroy-Preis, sondern provozierte auch medial viel diskutierte Störaktionen von „Identitären“. Über 30 Personen, in der Mehrzahl professionelle Darsteller, Sänger und Tänzer, erobern die schlicht gestaltete Bühne des Volkstheaters, auf der ein Metallmast mit Scheinwerfern und Stangen, die in den Händen der Performer zu Zäunen werden, das vor zwei Jahren völlig überfüllte Lager im südlichen Niederösterreich wiederauferstehen lässt. Fast alle sind Traiskirchen-erfahren, als Asylsuchende oder freiwillige Helfer, und sie alle eint eindrucksvoller Spielwitz. „Vielleicht bin ich ein Schauspieler ohne Grenzen“, meint der aus Syrien stammende Johnn­y Mhanna, der in seiner Heimat in Film und Theater erfolgreich war. Von Grenzenlosigkeit im Denken wie im politischen Handeln und von dem Gewinn einer bunten Gesellschaft zu träumen, ist die Grundfarbe des Musicals.

Johanna Mikl-Leitner (Khalid Mobaid), 2015 Innenministerin, (alb-)träumt auch, tanzt und singt ihren „Blues“ mit einem Zelt und will unter dem Motto „no borders“ Angela Merkel die Show stehlen. Der überforderte Angestellte des Lagerbetreibers ORS telefoniert lieber in breitem Wienerisch mit seinem „Schatzi“, was, da Darsteller Moussa Thiaw eher kein geborener Kaisermühlener ist, zu vielen Lachern im Publikum führt. Sein Kollege (Uwe Dreysel) ist als „Gutmensch“ im falschen Job und die „Helferin“ (Sophie Resch) sieht in Mikroplastik eine größere Bedrohung als in Selbstmordattentätern. Observiert werden die mit Bedacht verbundenen Musical-Nummern und Spielszenen vom „Quoten­sandler“, als einheimischer Underdog ein Gewinner der Angst vor dem und den Fremden. Bernhard Dechant gibt, in Pelzmantel und kurzer Hose, dabei eine ziemlich unwiderstehliche Nestroy-Figur ab und bildet, wie die „Heimat“-Verteidigerin, eine junge Identitäre (Eva Prosek), oder die überengagierte Journalistin (Julia Bernhard) das österreichische Echo auf die so genannte Flüchtlingskrise. Namhafte Musiker wie Eva Jantschitsch aka Gustav, die Linzer Hip-Hopper Texta, Jelena Popržan, Bauchklang und Imre Lichtenberger Bozok­i, der mit seinem Ensemble aus dem kleinen Orchestergraben zudem für den flotten Live-Sound sorgt, schrieben und komponierten die Songs, die mit „Traiskirchen-Rap“, dem „Nazi-Hardrock“ oder dem „Blumenzüchterlied“ das Leben unter Ausnahmebedingungen illustrieren. Lang anhaltender Jubel für etwas zu süße Versöhnlichkeit.