Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 12.06.2017


Bühne

Konzentrierte Textarbeit ohne Tamtam

Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ als ambitioniertes Text- und kluges Mitfühltheater im K2.

Welttheater in der Werkstatt: Marion Fuhs, Eleonore Bürcher und Andreas Wobig in "Die Schutzbefohlenen".

© TLT/LarlWelttheater in der Werkstatt: Marion Fuhs, Eleonore Bürcher und Andreas Wobig in "Die Schutzbefohlenen".



Innsbruck – Elfriede Jelineks Textkomposition „Die Schutzbefohlenen“ ist eine direkte Reaktion. Auf die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer; auf den Protest Geflüchteter, der im November 2012 zur Besetzung der Votivkirche in Wien führte. Und ein in verschiedenster Hinsicht ungeheuerlicher Text: ebenso vielstimmig wie vielschichtig, drastisch, zornig, aber auch sprachspielerisch, kalauernd und verquer.

Nach der Urlesung im September 2013 in Hamburg galt „Die Schutzbefohlenen“ schnell als Stück der Stunde. In Mannheim, Hamburg, Bremen und Oberhausen kamen noch 2014 Bearbeitungen auf die Bühne. Michael Thalheimer setzte im März 2015 die österreichische Erstaufführung an der Burg in Szene – und suchte dabei, ähnlich wie an den anderen genannten Häusern, nach großen Bildern für Jelineks mächtige Textflächen.

Am Tiroler Landestheater hat man sich nun für einen anderen Ansatz entschieden: „Die Schutzbefohlenen“ als Werkstatttheater in intimem Rahmen der K2-Spielstätte. Kein an antike Vorbilder, Aischylos’ „Die Schutzflehenden“ zum Beispiel oder Ovids „Metamorphosen“, gemahnender Chor. Und auch keine geflutete Bühne. Sondern fünf engagierte Darsteller (Eleonore Bürcher, Marion Fuhs, Janine Wegener, Fabian Schiffkorn und Andreas Wobig) und zurückgenommene szenische Andeutungen: starkes Schauspiel ohne großes Drumherum, hochkonzentrierte Textarbeit ohne viel Tamtam.

Apropos Text: Der Fokus der Innsbrucker „Schutzbefohlenen“-Erarbeitung liegt auf jenen Passagen, um die Jelinek das Stück bis März 2016 erweitert hat. Dadurch verlagert sich auch die Perspektive des Stücks: In Elke Hartmanns Inszenierung stehen weniger die Erfahrungen von Geflüchteten im Mittelpunkt, sondern Europas Umgang mit der so genannten Flüchtlingskrise: Vor allem in der besonders bemerkenswerten zweiten Hälfte wird das Spannungsfeld zwischen Verantwortung, Mitleid, Erschütterung und Alarmismus verhandelt: Angesichts der wachsenden Anzahl von Playmobil-Männchen, die sich am Rand der von Alexia Engl entworfenen Bühne versammeln, drohen Angst, Überforderung und plumper Aktionismus. Die Besitzstandswahrer radikalisieren sich – oder verlieren als saturierte Handynutzer das Interesse am Leid des Schutzsuchenden.

Das ist schonungslos beobachtet – und eindrücklich gespielt. Trotzdem wäre es kaum mehr als ein durchaus aufrüttelndes Gedankenexperiment, hätte das Publikum davor nicht erfahren, was es heißt, wenn man als „Fremde“ untersucht und eingeordnet wird. Denn zunächst werden die Zuschauer als Neuankömmlinge von den Darstellern empfangen und neugierig geprüft, gemustert – und ausgemustert. Durch diesen Kunstgriff, der lange nachhallt, ist „Die Schutzbefohlenen“ nicht nur ambitioniertes Text-, sondern kluges Mitfühltheater. (jole)