Letztes Update am Sa, 01.07.2017 07:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wien

Neuer Kapitän für den Burg-Dampfer

Die klare Entscheidung für den bedeutenden österreichischen Regisseur Martin Kušej als künftigen Burgtheater-Direktor ab der Spielzeit 2019/20 verspricht Theater als „Herzens- und Seelenbildung“.

Es wurde der Topfavorit: Martin Kusej übernimmt mit 1. September 2019 die Spitze des Wiener Burgtheaters.

© Reuters/Heinz-Peter BaderEs wurde der Topfavorit: Martin Kusej übernimmt mit 1. September 2019 die Spitze des Wiener Burgtheaters.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Auch wenn es die Spatzen und Auskenner schon ungestüm von den Dächern gepfiffen haben, so verheißt Kulturminister Thomas Drozdas (SPÖ) gestrige, von Medienvertretern gestürmte Verkündigung, wer den wohl begehrtesten Theaterposten im deutschsprachigen Raum ab 2019 innehaben wird, allemal Aussichten auf eine spannende Burg-Zukunft. Martin Kušej, 1961 im kärntnerischen Wolfsberg geboren, seit 2011 Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels München, sorgt als Theater- und Opernregisseur international regelmäßig für großes Aufsehen.

Die Inszenierungen des „Bildhauers“, wie ihn Nikolaus Bachler – Weggefährte, Chef der Bayerischen Staatsoper und als Burgtheater-Direktor von 1999 bis 2008 einer seiner Vorgänger – charakterisiert, sind gekennzeichnet vom unbedingten Willen zu Genauigkeit, Text-Durchdringung und zu einer Bildfindung, die Fleisch und Seele eines Stückes freizulegen versuchen. Kongenialer Partner ist ihm dabei der Bühnenbildner Martin Zehetgruber, in dessen radikalen Raumkonzeptionen sich Kušejs Wollen entfalten kann.

Allein an der Burg sorgte der Regisseur ab 1999 mit Grillparzers „Weh dem, der lügt!“ und „König Ottokars Glück und Ende“, Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“, dem legendären „Weibsteufel“ von Karl Schönherr mit Birgit Minichmayr und zuletzt mit Arthur Millers „Hexenjagd“ für leidenschaftliche Reaktionen zwischen Begeisterung und Verstörung. Im Engagement, Oper neu zu erzählen, traf sich der, für den das Theater der „place to be“ ist, mit ebenso kompromisslosen Künstlern wie Nikolaus Harnoncourt und Gérard Mortier, und das nicht nur zur Freude von Feuilleton und Publikum, wie die kritischen Stimmen für Kušej

Harnoncourts Züricher „Zauberflöte“ 2013 belegten.

„Ich stehe für Veränderung, Irritation und Aufregung. Und vor allem soll es immer etwas Neues sein“, skizziert der designierte Burgtheater-Direktor seinen Zugang zur neuen Aufgabe in jenem Haus, um das er sich schon einmal bemüht hatte. 2006 gab der damalige Kunst-Staatssekretär Franz Morak (ÖVP) Matthias Hartmann den Zuschlag, mit bekannten Folgen. „Wenn es Skandale am Burgtheater mit mir in der Zukunft gibt, dann höchstens auf der Bühne“ erteilt Kušej in Anspielung auf die unrühmliche Vergangenheit derartigen Unwägbarkeiten eine klare Absage. „Es gibt so ein Oberhaupt-Gen in mir, das lebe ich aus“, bekannte der Älteste von fünf Geschwistern eines Kärntner-slowenischen Lehrerpaares in einem biografischen Interview. Als Verantwortlicher für die, auch finanziell, mächtige Institutio­n Burgtheater, deren Basisabgeltung 48,7 Millionen Euro pro Jahr beträgt, wird ihm diese Eigenschaft zugutekommen.

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Nicht gering zu schätzen ist die Leistung, die die noch amtierende Burg-Chefin Karin Bergmann vollbracht hat. Nach den schweren finanziellen Kalamitäten und der Entlassung von Matthias Hartmann 2014 gelang ihr, gemeinsam mit dem neuerlich bestellten Kaufmännischen Direktor Thomas Königstorfer, mit ruhiger und zugleich konsequenter Hand sowohl ein rigides Sparprogramm umzusetzen, als auch das Ensemble wieder zu einen, ohne dabei den künstlerischen Anspruch des Burgtheaters zu verraten. Gipfelpunkt ihrer Ära wird mit Sicherheit die kommende, Bergmans letzte Saison, deren Spielplan mit aufregenden Produktionen aufwarten lässt. Aufregend werden sicher auch die Jahre unter dem gestandenen Theatermann und – Hobbykoch – Martin Kušej, der seinen Gästen gerne Mousse au Chocolat mit Olivenöl und Meersalz serviert und dazu meint: „Die Gäste sind erst ziemlich skeptisch und lecken dann die Teller aus!“ Das könnte mit ambitionierten Spielplan-Menüs ebenso glücken. Kosten kann man ab September 2019. (APA)