Letztes Update am Mi, 19.07.2017 10:15

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Salzburger Festspiele

Des Teufels Kandidat: Die ersten Bilder vom neuen Jedermann

Tobias Moretti steht heuer erstmals als Jedermann auf der Domplatz-Bühne. Mit der TT spricht der Tiroler über die Stärken und Schwächen des Festspiel-Herzstücks, den Glauben an die Gnade und seine tiefsitzende Beicht-Aversion.

Tobias Moretti über den
 Dächern von Salzburg.

© APA/picturedesk/NeumayrTobias Moretti über den
 Dächern von Salzburg.



Von Christiane Fasching

Als Sie vergangenen November als neuer „Jedermann“ präsentiert wurden, haben Sie sich auf den „Aufbruch ins Nichts“ gefreut. Womit wird dieses „Nichts“ nun aufgefüllt?

Der Aufbruch ins Nichts war das Thema der neuen Festspielleitung und ist das auch das Thema des beginnenden 20. Jahrhunderts. Und somit auch das Thema Hofmanns­thals. Schon vor dem Weltenbrand hat diese Epoche geahnt, aber noch nicht gewusst, wohin sie treibt. Das war für mich ein wenig die Initialzündung für die Beschäftigung mit dem Stück.

Eigentlich hätte das Regie-Konzept von Brian Mertes und Julian Crouch, das seit 2013 auf dem Domplatz zu sehen war, für die heurige Aufführung weiterentwickelt werden sollen. Woran ist dieses Vorhaben gescheitert?

Es war lange im Vorfeld besprochen worden, dass das Regiekonzept weiterentwickelt wird. Das ist ja bei einem Besetzungswechsel des „Jedermann“ auch ein ganz üblicher Vorgang. Mertes und Crouch haben aber irgendwann Angst bekommen, dass jede Änderung die Statik ihrer Inszenierung gefährden würde. So kam es zum Wechsel.

Nur drei Monate vor der Premiere wurde Michael Sturminger als neuer „Jedermann“-Regisseur präsentiert: Er selbst hat gemeint, dass das „absurd wenig Zeit“ war. Ist es nicht extrem riskant, das Herzstück der Salzburger Festspiele so kurzfristig in neue Hände zu geben?

Chancen ohne Risiko gibt es nicht. Natürlich konnte Michael Sturminger sich nicht ein, zwei Jahre lang mit dem Stoff, dem Stück und seiner Aufführungsgeschichte etc. auseinandersetzen. Aber ein spontaner, unbefrachteter Zugang hat bei so einem Traditionsbrocken wie dem „Jedermann“ auch Vorteile, er gibt der Auseinandersetzung Frische. Es war für mich ein völlig anderer Dialog mit einem anderen kulturellen Selbstverständnis als dem angelsächsischen, und das war sehr erfrischend. Für die Bühnenbild-, Kostüm- und die technische Abteilung der Salzburger Festspiele ist es natürlich eine enorme Herausforderung. Unglaublich, was dort geleistet wird.

Im TT-Interview hat Michael Sturminger erzählt, dass er vor seiner Zusage einen Tag mit Ihnen in Tirol verbracht hat, um Vorstellungen über das Stück auszutauschen. Trägt die Neu-Inszenierung somit auch Ihre Handschrift?

Natürlich. Am Anfang galt es auszuloten, ob wir ähnliche Vorstellungen von dem Stück, von der Hauptfigur und von dem, was wir damit wollen, haben könnten. Hofmannsthal zeichnet den „Jedermann“ ja etwas holzschnittartig, er formuliert den Charakter nicht aus, und das kann man immer auf unterschiedliche Weise füllen.

Erstmals soll Hugo von Hofmannsthals „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ aus der Sicht unserer Zeit erzählt werden. Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Schon Hofmannsthal hat dieses „Spiel“ ja nicht aus der Sicht seiner Zeit erzählt, das Stück entspricht nicht dem psychologischen Zeitgeist zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es geht bei dem Blickwinkel unserer Zeit nicht um eine platte Modernisierung, dagegen sträubt sich der Stoff und sträubt sich die Sprache, sondern um Nachvollziehbarkeit: Was ist es, was den Jedermann zu einem sicheren Kandidaten für den Teufel macht? Für die Menschen des Barock mag es sein ausschweifendes Leben gewesen sein. Für uns, die das 20. Jahrhundert im Bauch haben, hat es vielleicht eher mit Größenwahn zu tun. Jedermanns kapitalistische Allmachts-Fantasien empören uns mehr als seine Orgien. Dahingehend kann man sich das vorstellen.

Am Originaltext soll laut Sturminger aber nicht gerüttelt werden. Ist dafür die Zeit noch nicht reif?

Im Großen und Ganzen haben wir uns für den Originaltext entschieden, der ja ein in sich immerwährend stimmiger Text ist, sowohl in seiner Hermetik als auch in seiner Offenheit. Trotzdem wird es Stellen geben, die ich aus dem Blickwinkel unserer Zeit interpretiere.

Sie kennen das Stück bereits aus Christian Stückls Inszenierung, wo Sie den Guten Gesellen und den Teufel verkörpert haben. Wo liegen die Stärken des Stoffes? Und wo verorten Sie seine Schwächen?

Ich glaube, dieses Holzschnitt- artige, die Nicht-Psychologie des Stückes, ist seine Stärke und zugleich seine Schwäche. Es bringt einerseits mächtige, eindrucksvolle Szenerien und Allegorien hervor – den Tod, den Teufel usw. –, die zeitlos Geltung beanspruchen. Aber dadurch ist das Stück auch immer in Gefahr, in eine Hans-Sachs-tümelnde Biederkeit zu kippen. Es hat ja was Absurdes: In einer Zeit wie der unseren empfiehlt man sich aus Angst vor dem Tod mit einem guten Vorsatz oder mit dem Prinzip der Läuterung, und plötzlich ist alles C-Dur. Daran glaube ich nicht.

Die Moral von der Geschicht trägt scheinheilige Züge: Der Lebemann, der in der Stunde seines Todes sein lasterhaftes Tun bereut, bekommt letztendlich doch Gottes Gnade zu spüren ...

Ich weiß nicht: Dass man sich nicht selber retten kann, sondern dass es dazu Gnade braucht, finde ich nicht unbedingt scheinheilig. Für diesen Grundsatz – „sola gratia“, nur die Gnade Gottes rettet den Menschen – hat Luther die Reformation angezettelt. Im Übrigen auch eine Gnade für unsere katholische Kirche, weil sie dadurch umdenken musste. Ob die Umkehr des Jedermann scheinheilig ist, hängt damit zusammen, ob sie nur aus Angst geschieht oder aus Erkenntnis.

Bei der Beschäftigung mit dem Stoff wird man sich wohl zwangsläufig auch mit seiner eigenen Endlichkeit auseinandersetzen. Hätten Sie viel zu bereuen?

Mit „bereuen“ kann ich nicht so viel anfangen, ich glaube, es geht eher darum, dass ich verantwortlich bin für mein Handeln, vor mir und wem auch immer. Endlichkeit heißt für mich radikales Sich-selbst-Relativieren: Die eigene Existenz ist, wie man’s dreht und wendet, nun nicht einmal ein Wimpernschlag unseres Seins.

Ich nehme an, dass Sie mir nicht verraten werden, was Sie zu bereuen hätten ...

Sie lassen nicht locker. Aber mir ist schon als Kind bei der Beichte nix eingefallen. Ich kann Ihnen nichts anderes sagen.

Sie haben gemeint, dass der „Jedermann“ heutzutage nicht mehr der „Adelung einer Schauspielkarriere“ gleichkommt. Was bedeutete Ihnen diese Rolle, die Sie in der Vergangenheit ja bereits zweimal abgelehnt haben?

Die Rolle bedeutet mir viel, das Drumherum wenig. Damit meine ich nicht Salzburg, sondern den Klamauk.

An Ihrer Seite wird Stefanie Reinsperger, die Sie als „schauspielerische Wucht“ bezeichnet haben, zur Buhlschaft. Was macht sie aus dieser Rolle, an der ja so viele Klischees haften?

Diese Klischees, von denen Sie reden, machen die Rolle oft eindimensional: Weibchen, sexy, oberflächlich. Man spricht der Buhle und ihrer Beziehung zu Jedermann von vornherein charakterliche Substanz ab. Das muss nicht sein. Denn für mich war immer klar, dass die Buhlschaft eine musenhaft ebenbürtige Erscheinung ist, der sich Jedermann anheimgibt in gewisser Weise. Hofmannsthal war in seiner Buhlen-Zeichnung durchaus gespalten: Einerseits dieses mädchenhafte Reinheitsbild à la „Erna“ in „Das weite Land“, in deren Unschuld sich der Mann selbst glorifiziert und sich verjüngt; andererseits der Musencharakter einer Alma Mahler oder Lou Andreas-Salomé.

Peter Simonischek stand acht Sommer als „Jedermann“ auf dem Domplatz. Können Sie sich vorstellen, so lange mit dem Tod ums Leben zu ringen?

Das interessiert mich im Moment gar nicht. Das Besondere an unserer Arbeit ist ja, dass wir sie mit dem Hier und Jetzt in Verbindung bringen.

Das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ ist definitiv nichts für Kleinverdiener. Stört es Sie, dass der „Jedermann“ fürs betuchte Publikum reserviert scheint?

Das stimmt nicht. Der Stehplatz kostet 10 Euro, alle anderen 35 bis 175 Euro. Für jede Geldtasche was dabei.

Was sollen die Zuschauer sagen, wenn beim neuen „Jedermann“ der finale Vorhang fällt?

Schon tot?