Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 30.07.2017


Salzburger Festspiele

Schatten sieht man im Dunkeln nicht

Aus lauem wird nur zögerlich ein flaues Gefühl: Harold Pinters „Die Geburtstagsfeier“ bei den Salzburger Festspielen.

null

© APA



Von Ivona Jelcic

Salzburg – Was wird aus zwischen „Schwarzblenden“ eingefrorenen Spukbildern, Zeitlupen, mit Halleffekten belegten Stimmen? Interessanterweise das Gegenteil von beklemmend. Das ist ein Problem – um nicht zu sagen das Problem von Andrea Breths Inszenierung von Harold Pinters „Die Geburtstagsfeier“. Denn das Bedrohliche sollte sich hier eigentlich ganz allmählich in eine triste, kleinbürgerliche Lebenswelt einschleichen. Doch diese erhält gar nicht richtig Gelegenheit, sich zu entfalten. Von Beginn an überlagert da allzu gut gemeinte Effektarbeit zu vieles, konkret die psychologische Zersetzung von (ohnehin schon schwer beschädigten) Beziehungsgefügen.

Eher überraschend ist auch die geradezu genüssliche Auskostung des Komödiantischen. Das von Pinter auch so angelegt ist – und hier sogar bis zum absurden Tänzchen ausexerziert wird, das zwei dubiose, womöglich mafiöse Herren im grauen Anzug (Kostüme: Jacques Reynaud) ihrer „Zielperson“ darbieten. Am Ende sind diese komischen Elemente, die Roland Koch als glaubwürdig sinistrer Goldberg und Oliver Stokowski als herrlich zwängelnder, sächselnder und latent gewaltbereiter McCann mit Verve meistern, auch weit besser dazu angetan, ins Unheimliche zu kippen als so mancher technische Kniff.

Zumal keiner weiß: Wer sind die? Was wollen sie? Von welcher „Organisation“ sprechen sie? Und woher wissen sie ...?

Pinter, 2005 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, gibt darauf im rätselhaften Plot seines ersten abendfüllenden Stücks kaum Antworten: Dass Goldberg und McCann nicht die besten und schon gar keine Urlaubsabsichten in die Strandpension von Meg und Petey mitbringen, ist allerdings in keiner Sekunde ein Geheimnis. Für Stanley, den bis dahin einzigen Gast des trostlosen Etablissements, wird aus böser Ahnung denn auch schnell böses Erwachen. Dabei hatte er sich hier unter der Vorgabe, ein einst erfolgreicher Pianist zu sein, recht kommod eingenistet – Megs (Nina Petri) zwischen nervtötender Bemutterung und erbärmlichem Lechzen nach sexueller Erfüllung schwankende, biedere Naivität je nach Lust und Laune für sich ausnutzend.

Max Simonischek bewegt sich mit diesem optisch und seelisch verlotterten Stan zunächst gefährlich nahe an der Überzeichnung, besser findet er mit Fortschreiten des Stücks in die Rolle des von seinen Ängsten und einer nicht näher definierten dunklen Vergangenheit Verfolgten.

Es kommt also zur Geburtstagsfeier für Stan, auf deren Veranstaltung Goldberg und McCann bestehen. Aus sprachlicher Gewalt wird dabei schließlich auch körperliche – hier kommt auch der von Andrea Wenzls als eher abgeschmackt lolitahaft angelegten jungen Nachbarin Lulu ihre Rolle zu. Anderntags werden die grauen Schergen den inzwischen bis in die Willen- und Sprachlosigkeit bedrängten Stan in einem großen dunklen Auto davonschaffen.

Bei der Uraufführung 1958 in London fiel „Die Geburtstagsfeier“ durch. In der Gemengelage aus Realismus und absurdem Theater blieben die politischen Untertöne zunächst unbeachtet. Sie sind fraglos der Kern des Stücks – und keineswegs überholt. Das Schüren von Ängsten, Kontrolle, das diffuse Heilsversprechen der Konformität haben zeitlose, vielleicht gerade hochaktuelle Relevanz.

Dennoch gelingt es in dieser Salzburger „Geburtstagsfeier“ erst nach der Pause, als ein alter hölzerner Kahn in den kargen Wohnraum gleichsam „eingebrochen“ ist, das Ruder ein wenig herumzureißen und aus einem streckenweise allzu lauen doch noch ein einigermaßen flaues Magengefühl herauszuholen. Goldberg und McCann werden da mit ihren Botschaften auch immer ein- und zudringlicher: „Du wirst ein ‚Mensch‘ sein. Du wirst erfolgreich sein. Du wirst integriert sein. Du wirst Befehle erteilen“, etc.

Martin Zehetgrubers gelungenes, fast filmisch anmutendes Bühnenbild, das sich auf einen im Nebel liegenden Strand samt Steg hin öffnet, verweist immerhin auf Pinters nicht unübliche Rückgriffe auf die Suspense-Strategien des 50er-Jahre-Kinos. Am Ende aber bleibt der Stoizismus, mit dem Petey (Pierre Siegenthaler) nach einer Schrecksekunde wieder zur Normalität überzugehen bereit ist, sinnbildlich für eine ebenso stoische Regie.