Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 08.10.2017


Bühne

Alexander Pschill: Boulevard für Fortgeschrittene

Alexander Pschill ist Mitglied des Josefstadt-Ensembles und Mit-Prinzipal des ambitionierten Off-Theaters Bronski & Grünberg.

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Von Bernadette Lietzow

Wien – „Warum liegt hier ein Jausensackerl?“ firmiert ein nicht ganz ernst gemeintes Zitat von Alexander Pschill auf der Website des Theaters Bron- ski & Grünberg, das mit der Premiere von Shakespeares „Richard III.“ vergangene Woche mutig in seine zweite Saison gestartet ist. Pschill, Ensemblemitglied der Josefstadt, TV-Serien-Charakter von „Kommissar Rex“, „Lottosieger“ oder „Janus“ wagte im vergangenen Jahr im Verein mit seiner Frau, der Bühnengestalterin Kaja Dymnicki, und den Schauspielerinnen Julia Edtmeier und Salka Weber die Gründung eines in seiner Art in Wien etwas unüblichen Off-Theaters. „Progressiv Boulevard“ für Zuseher, die sich im Idealfall als „prustende Rätsellöser“ wohlfühlen, ist die anspruchsvolle Devise einer Handvoll Theater-Menschen, die ihren Enthusiasmus nicht an der Künstlergarderobe abgeben wollen.

Dementsprechend nach den Sternen greifen auch die Vorhaben. Nach der ersten Spielzeit, die unter anderem mit Goethes „Werther“, Dostojewskis „Spieler“, Bram Stokers „Dracula“ und allerlei Gastspielen für Aufmerksamkeit im Feuilleton und reges Publikumsinteresse sorgten, verspricht auch die zweite Runde theatrale Überraschung.

„Wir sind ein kleines Theater, das jedoch behauptet, die Metropolitan Opera, das Burgtheater und der Zirkus Roncalli in einem zu sein“ lautet das Motto und in diesem Sinn darf man gespannt sein auf Verdis „Rigoletto“ in clownesker Anmutung, auf Tschechows „Onkel Wanja“, die Operette „Wiener Blut“ oder „Titanic“. Pralles und brisantes Theater zu zeigen, eint die Gründer, eben Progressiv-Boulevard als Antwort auf Prog-Rock, meint der frischgebackene Prinzipal mit Augenzwinkern. Noch eine Bühne in der Theaterstadt Wien? Selbstverständlich hätte man sich, so Pschill, die Frage gestellt, was die Aufgabe eines neuen Off-Theaters sein kann. Dabei sei man übereingekommen, sich selbst auszutricksen, indem man einfach kompromisslos das macht, was man unbedingt will. Oder muss, wie die Namenspatrone des Hauses, jene mit allen darstellerischen Mitteln um ihr Überleben kämpfenden Schauspieler Bronski und Greenberg aus Ernst Lubitschs Tragikomödie „Sein oder Nichtsein“.

Apropos Eingangsstatement: Im TT-Gespräch gesteht Pschill „Macken“ zu, die ihre Begründung haben. Er vermisst in Österreich die vor allem im angelsächsischen Raum gelebte Qualität, einen Theaterabend nicht erst mit dem Hochgehen des Vorhangs, sondern schon viel früher atmosphärisch beginnen zu lassen. Verwirklicht wurde das im eigenen, mit 60 Sitzplätzen sehr intimen Haus, verfügt doch das Bronski & Grünberg mit der Flamingo-Bar im eleganten Retrolook über allerhand Willkommens-Charme.

Wo ein liegen gebliebenes Jausensackerl, siehe oben, wirklich keinen Platz hat! Die Flamingos übrigens firmieren hier nicht als Sponsor-Must eines Telekommunikationsanbieters, sondern bevölkern unschuldig in ihrer rosa Pracht eine Tapetenwand. Immerhin aber kann man Pate eines oder mehrerer Vögel werden: Crowdfunding ist eine der Finanzierungssäulen, die das Bronski & Grünberg tragen, neben Einzelprojekt-bezogenen Förderungen der Stadt Wien und vermutlich einiger über die Schauspiel- wie Regie-Arbeitskraft hinausgehender Eigenleistungen der Initiatoren.

Die eigene Bühne ist ein Teil von Alexander Pschills beruflicher Verpflichtung und Leidenschaft, das Engagement am Theater in der Josefstadt ein anderer.

An den Kammerspielen feiert am kommenden Donnerstag „39 Stufen“ Premiere, eine rasante, an Hitchcocks Filmklassiker angelehnte Comedy. Nach „Arsen und Spitzenhäubchen“, das nach dem Erfolg in der vergangenen Saison weiter auf dem Spielplan steht, tritt er neuerlich in einem Lustspiel auf.

„Das scheint bei mir ganz gut zu funktionieren. Daher bin ich wahrscheinlich zurzeit öfters in diesem Fach unterwegs und eine gelungene Komödie ist etwas Tolles!“, meint Pschill. Und auf die Frage nach der Lust, wieder einen TV-Seriencharakter zu verkörpern, verrät der Schauspieler sein Credo, dass, egal, ob auf der Bühne oder vor der Kamera, das Projekt stimmig sein muss.

Vor allem beim Fernsehen habe er die Erfahrung gemacht, sich in die falschen Schuhe gesteckt gefühlt zu haben, was er als sehr unangenehm in Erinnerung hat. „Es muss meine Geschichte sein“, betont Alexander Pschill. Anzunehmen, dass das bei „Bronski & Grünberg“ der Fall ist, das im Übrigen stolz sein darf auf die Nominierung zum Anfang November vergebenen Nestroy-Spezialpreis 2017.