Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 08.10.2017


Bühne

Schönherr im Spannungsfeld

© Thomas Boehm / TTAbgründige Dramatik in hochkonzentrierter Atmosphäre: Magdalena Zorn, Simon Jetzinger, Joseph Holzknecht und Julia Gschnitzer widmeten sich im Volkstheater Axams dem Werk Karl Schönherrs.Foto: Böhm



Axams – Der Auftakt war programmatisch: Axams nehme eine besondere Position ein, sagt Dagmar Grohmann, Obfrau des neu gegründeten Vereins „Kultur.Werk.Axams“. „Es liegt am Land und doch ganz nah an der Stadt, im Spannungsfeld zwischen traditionellen Erwartungen und urban geprägten Vorstellungen.“ Und genau dort will der von Grohmann – grüne Gemeinderätin und lange Jahre Öffentlichkeitsarbeiterin des Tiroler Landestheaters – im Verbund mit Claudia Hochreiter und Conny Barwick gegründete Verein ansetzen.

„Wir möchten das kulturelle Angebot im Ort um neue, vielleicht auch ungewöhnliche Projekte erweitern, die auch im nahen Innsbruck wahr- und ernst genommen werden“, so Grohmann. Bereits die erste Kultur.Werk-Produktion „Die letzten Tage der Patriarchen“, die am Freitagabend im schmucken Axamer Volkstheater präsentiert und tags darauf wiederholt wurde, machte die hehre Absicht ganz praktisch anschaulich. Im Zentrum des Abends standen Leben und Werk des Volksdramatikers Karl Schönherr, dessen Geburt sich heuer zum 150. Mal jährte.

Schönherr stammte aus Axams, zum ebenso populären wie produktiven Bühnenautor – er war der neben Schnitzler gefragteste österreichische Stückeschreiber seiner Zeit – wurde der studierte Mediziner in Wien. Volkstümelnde Bauernstuben-Inszenierungen haben der mitunter existenziellen Wucht seiner Stücke in der Nachkriegszeit – Schönherr starb 1943 – eher geschadet. Seit gut drei Jahrzehnten wird er als Meister psychologisch feinsinniger Fallstudien immer wieder neu entdeckt.

In Axams nun wurden Passagen aus Schönherrs bedeutsamsten Stücken, „Der Weibsteufel“, „Frau Suitner“, „Kindertragödie“, „Der Judas von Tirol“ und „Erde“, in dezent modernistischem Bühnenbild – ein Arrangement aus blutrot gefärbten Heustieflern – gelesen.

Julia Gschnitzer, Joseph Holzknecht, Magdalena Zorn und Simon Jetzinger interpretierten die Zeilen ganz zurückgenommen und hochkonzentriert, unterstrichen die bisweilen abgründige Dramatik mit kleiner Geste – und brachte gelegentliche Pointen zum Glänzen.

Der Germanist und ausgewiesene Schönherr-Kenner Johann Holzner bettete die einzelnen Stücke in ihren werk- und wirkungsgeschichtlichen Kontext, kommentierte klug und wohltuend kritisch. Und Akkordeonist Siggi Haider umrahmte den kurzweiligen und sehr lehrreichen Abend mit Stücken von Werner Pirchner. (jole)