Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 14.10.2017


Bühne

Raunzer, Schlitzer,

Vogelmörder

Für Wien-Hasser und solche, die es werden wollen: Georg Kreislers schwarze Lieder mit Nikolaus Habjan und Franui.

© www.lupispuma.com / VolkstheateKreisler-Lieder als Puppenspiel: Szene aus „Wien ohne Wiener“ am Volkstheater. Foto: www.lupispuma.com/Volkstheater



Von Bernadette Lietzow

Wien – „Für London, für New York, für Paris findet man Beweise. Für Wien nicht. Sokrates hätte Wien gehasst.“ Bum! Und dann, „ungestraft kommst in Wien nicht auf die Welt“. Wie wahr im Hinblick auf die eigene Biografie, die den 1922 geborenen Georg Kreisler „aus rassischen Gründen“ von Wien nach Kalifornien trieb, um dann retour in ein­e „Heimat“ zu kommen, der er, der radikal-poetische Fleckenentferner und unbequeme Ungustl, zeit seines Lebens ein Dorn im Auge war.

2011 ist der Schöpfer so unvergesslicher „Everblacks“ (Kreisler) wie „Zwei alte Tanten tanzen Tango“, „Am Totenbett“ oder „Das Triangel“ verstorben, kurz zuvor hatte der Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan noch Gelegenheit, den „Qual-Österreicher“, der darauf bestand, US-Amerikaner zu bleiben – eine Ehren-Staatsbürgerschaft wurde dem Künstler nie angetragen – persönlich kennen zu lernen. Mit dessen schwarzen Songs wuchs er nämlich auf und verstörte als Volksschulkind die Lehrerin mit seinem expliziten Lieblingslied „Taubenvergiften“.

Jetzt gestaltete der aus Graz stammende Wahlwiener gemeinsam mit der Osttiroler Musicbanda Franui einen „Georg-Kreisler-Liederabend“, der am Mittwoch am Wiener Volkstheater seine bejubelte Uraufführung erlebte. Die auch gleich zum Unikat geriet, musste doch Multi­talent Habjan für den erkrankten Christoph Rothenbuchner einspringen, was der Volkstheater-Star und Quotenbringer des nicht ganz so glänzend ausgelasteten Hauses mit Bravour erledigte.

Stolze 28 Einzelszenen, in der Mehrzahl natürlich Georg Kreislers Chansons, vereinzelt auch Texte bis hin zu zotigen Schüttelreimen, schultert ein motiviertes und stimmlich recht beachtenswertes Ensemble. Claudia Sabitzer, Isabella Knöll, Stefan Suske, Gábor Biedermann und ein das Wienerlied aus den Untiefen furchterregender Ungemütlichkeit heraus interpretierender Günter Franzmeier sind, neben Habjan, die Säulen des Abends. Allesamt im glitzernden Frack lassen sie neun Klappmaulpuppen auf einer klassischen „Revuebühne“ tanzen, raunzen und Unsägliches absondern, das, siehe laufender Wahlkampf, auch abseits direkter Anspielungen erschreckende Aktualität besitzt. Franui, in sechsköpfiger Besetzung, spielen gewohnt gekonnt mit Georg Kreislers musikalischen Vorlagen und reichern sie mit Zitaten von Klassik bis Volksmusik an. Unterhaltsam.