Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 23.10.2017


Bühne

Innenwelten und ihr Objekt

Alvis Hermanis erkundet am Burgtheater mit Alexander Ostrowskijs „Schlechte Partie“ vergangene Theatertradition und die sprichwörtliche russische Seele.

© APALarissa tanzt und die Backenbartträger freut’s: Peter Simonischeck, Marie-Luise Stockinger und Nicholas Ofczarek (von links) in „Schlechte Partie“.Foto: APA/Schlager



Von Bernadette Lietzow

Wien – Hereinspaziert in die russische Bürgerhölle! Ein Puppenhaus, allerliebste historistische Wohnpracht mit Sesselchen, charmanten Kanapees, Vitrinen für das feine Porzellan, die seidentapezierten Wände mit unzähligen Bildern gepflastert, was man im musealen Bereich bezeichnenderweise „Petersburger Hängung“ nennt: Alles das bietet der lettische Regisseur und Bühnenbildner Alvis Hermanis auf, wenn er einlädt in die Welt von Alexander Ostrowskijs hierzulande nahezu unbekanntem Stück „Schlechte Partie“ aus dem Jahr 1878.

Dort lässt er ein großes Aufgebot ausgesucht grausamer sowie einer mitleidlosen Gesellschaftsordnung ausgelieferter Puppen aufeinander los. Angesichts dessen, wie Ostrowskij die Dekadenz der letzten Jahrzehnte des Zarenreiches abbildet, scheint die sich in diesen Tagen zum hundertsten Mal jährende Russische Revolution eine zwingende Folge.

Alvis Hermanis verdankt das Burgtheater einige eindrückliche Arbeiten. Seine Inszenierungen von Tracy Letts’ „Eine Familie“ oder Gogols „Der Revisor“ waren Ausweis eines kreativen und konsequenten Zugriffs auf literarische Stoffe. Nun legte er, der gern damit kokettiert, ein „altmodischer Künstler“ zu sein, seine Interpretation eines trotz seiner Systemkritik seltsam eindimensionalen Konversationsstücks vor, das, unentschlossen am Rand der Komödie balancierend, rechtschaffen tröge vonstattengeht.

In jeder Hinsicht üppig ausgestattet, agiert doch auf der eleganten wie detailverliebten Burg-Bühne zudem eine Starbesetzung, taucht man für zeitweilig sehr lange drei Stunden ein in eine alkoholgeschwängerte Männerwelt, in der Frauen am Scheideweg von Duldsamkeit, Gerissenheit oder Hysterie nur verlieren können.

Hermanis hat sich für erhabenes Gesten- und Posentheater entschieden, geschult an Schauspielergrößen längst vergangener Zeiten wie Sarah Bernhardt oder Alexander Moissi, eine Entscheidung, die Dörte Lyssewski und Marie-Luise Stockinger sehr viel offensiver mittragen (müssen? dürfen?) als ihre männlichen Kollegen, denen in allerhand Rauschzuständen die Gelegenheit zu Travestie und Klamauk geboten wird.

Larissa (Stockinger) ist der Trumpf ihrer in schweren Geldnöten steckenden Mutter (Lyssewski), sie ist die „schlechte Partie“, die gewinnbringend am Heiratsmarkt reüssieren soll. Kaufmänner sind es allesamt, die im Salon ein und aus gehen und sich an einer jungen Frau ergötzen, die, getrieben und verzweifelt, schließlich den spießigen Postbeamten Karandyschew (Michael Maertens) als zukünftigen Ehemann erwählt. Am Ende wird Larissa, die sich selbstzerstörerisch gegen ihre Bestimmung als Objekt zur Wehr setzt, indem sie mit dem Schifffahrtsunternehmer Paratow (Nicholas Ofczarek) eine Liebesnacht verbringt, von der Hand ihres Verlobten sterben.

Dazwischen fließt Champagner in Strömen, zittern die gigantischen Backenbärte der männlichen Notabeln, wenn sie kaltblütig ihren Geschäftssinn beschwören und die Überlegenheit ökonomischen Verlierern gegenüber ausspielen.

Knurow (Peter Simonischek) gefällt sich als Larissas väterlicher Freund und will sie doch nur zur Geliebten machen, während Woschewatow (Martin Reinke) sich in Demütigungsritualen gegenüber dem sklavenhaft ergebenen und alkoholkranken Provinzschauspieler Robinson (Glanzleistung: Fabian Krüger) ergeht.

All das, bestens ausgeführt von einem außergewöhnlichen Ensemble, hebt den Abend jedoch nicht wirklich in erwartete Höhen. Der Schauwert, für den nicht zuletzt Blumengewänder und Kopfschmuck sorgen, mit denen Kristine Jurjane die in ihr Unglück tanzende Larissa ausstattet, ist ungleich höher. Reservierter Applaus.