Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 23.10.2017


Bezirk Imst

Das Böse, ein Menschenlos: “Der Pelikan“ in Imst

Mit „Der Pelikan“ sorgt das Theaterforum Humiste für Beklemmung auf der Bühne.

© HauserStefanie Bauer (Tochter) und Peter Mair (Sohn), der Kindheit und Jugend beraubt.



Von Markus Hauser

Imst — Die Mutter hat den Vater zu Tode gequält, die Tochter und den Sohn hungern und frieren lassen und die Tochter zudem an ihren eigenen Liebhaber verkuppelt. Im letzten Brief des Vaters erfährt der Sohn von der Alleinschuld der Mutter. Krasser geht es nicht, oder doch aus dem Leben gegriffen? In seinem vierten Kammerspiel „Der Pelikan" verkehrt August Strindberg den Pelikan, der eigentlich das Leiden Christi symbolisiert und mit seinem Blut das Leben seiner Kinder rettet, in einen blutsaugenden, alles vernichtenden Vampir. Auf der Bühne Imst-Mitte finden Regisseur Michael Rudigier und seine Assistentin Victoria Matt in einer gekürzten und geänderten Fassung sehr prägnante und eindringliche Bilder für die Seelenzustände der Protagonisten. Durch einen schwarzen, an Todesanzeigen erinnernden Rahmen fällt der Blick der Zuseher auf eine durch zwei transparente Vorhänge geteilte Bühne.

Die Regie folgt offensichtlich ganz Strindbergs Idee einer Übertragung von Kammermusik auf das Drama: „Wenige Personen, kleines Motiv, große Gesichtspunkte, ausführlich behandelt." Und so ist der Handlungsablauf von statischer Natur. Jede Person für sich, von Lichtspots beleuchtet, kehrt sukzessive ihr Innerstes nach außen und formuliert die Ausweglosigkeit dieser Familienverstrickungen als uranfängliches Menschenschicksal bis hin zur Vernichtung der Mutter und dem Verbrennen der Kinder im realen Feuer, den Tagtraum der wiederkehrenden Kindheit vor dem inneren Auge. Andrea Reich als Mutter überzeugt in ihrem von Eiseskälte geprägten Verharren in der Lüge.

Leni Rauch (Hausangestellte), unterdrückt von der alles beherrschenden Andrea Reich (Mutter, rechts).
- Hauser

Sich ihrer Verheerungen zwar bewusst, scheint der Zwang zu Wiederholung größer als die Einsicht. Peter Mair entwickelt die Figur des dahinvegetierenden Sohnes mit Märtyrerblick zum todbringenden Racheengel facettenreich. Stefanie Bauer gibt eindrucksvoll die von Lügen und Drohungen in die Abhängigkeit gedrängte Tochter, die die Wahrheit bis zum Schluss nicht wissen will.

Überzeugend gefangen in Resignation und Hoffnungslosigkeit gibt sich Leni Rauch als Hausangestellte. Aus Walter Huber (Schwiegersohn) spricht sie ganz unverblümt, die eiskalte Berechnung. Reservierungen unter www.humiste.at bzw. 0664/6360646.

Termine: 29. Oktober, 04./05. November 11./12. November 18./19. November 25./26. November