Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 24.10.2017


Bühne

Märchenoper mit verrutschten Ebenen

Eine schwierige Angelegenheit: Die Stuttgarter Staatsoper zeigt „Hänsel und Gretel“ in Abwesenheit von Kirill Serebrennikov halbszenisch.

© Thomas AurinStatements des in Russland unter Hausarrest stehenden Regisseurs Kirill Serebrennikov wurden zugespielt.



Von Jörn Florian Fuchs

Stuttgart – Vor ziemlich genau zwei Jahren gab es in der Stuttgarter Staatsoper einen Opernabend, wie man ihn sehr selten erlebt. Der russische Regisseur Kirill Serebren­nikov inszenierte Richard Strauss’ „Salome“ als brillantes Gesamtkunstwerk, archaische Bilder verfugten sich mit gegenwärtiger Politik- und Religionskritik auf einzigartige Weise. Die Premiere hatte etwas von einer Naturgewalt, auch weil alle Protagonisten auf der Bühne und im Graben überragend agierten.

Klar, dass das Stuttgarter Leitungsduo Jossi Wieler und Sergio Morabito den damals im Westen noch nicht sehr bekannten Regisseur rasch für ein weiteres Projekt verpflichteten. Geplant war Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“. Serebrennikovs Kernidee: Die Geschichte spielt erst in Afrika, dann in Deutschland. Serebren­nikov drehte einen abendfüllenden (Stumm-)Film zur Oper in Ruanda und Stuttgart.

Wenige Wochen vor dem geplanten Probenbeginn wurde der Regisseur in seinem Heimatland verhaftet, aktuell steht er unter Hausarrest. Der Vorwurf: Veruntreuung von Subventionsgeldern. Serebren­nikov bestreitet die Vorwürfe, es gibt eine Vielzahl von Theorien. Handelt es sich um Machtkämpfe? Wollen staatliche Akteure ein Exem­pel statuieren? Schließlich eckt Serebrennikov, der auch das Moskauer Gogol-Zentrum leitet, mit seinen Theaterarbeiten und Filmen immer wieder an. Auf einem Symposion der Stuttgarter Staatsoper wurden diese und weitere Fragen am Sonntag diskutiert, wobei sich die Gesprächspartner – da­runter der Komponist Sergej Newski und die Theaterkritikerin Marina Davydova – in apokalyptischen Beschreibungen der aktuellen Lage in Russland überboten.

Lässt man die aufgepeitschte Rhetorik beiseite, so bleibt festzuhalten: Der Druck auf progressive Künstlerinnen und Künstler nimmt zu, es gibt eine ungute Vermischung von Staat und Religion. Dies freilich wusste man schon vorher. Erkenntnisreicher wäre es vielleicht gewesen, Vertreter des Staates oder auch der Kirche in die Diskussion miteinzubeziehen.

Am Sonntagabend zeigte die Staatsoper dann ein Projekt unter dem Titel „Hänsel und Gretel. Ein Märchen von Hoffnung und Not, erzählt von Kirill Serebrennikov“. Das Orchester sitzt auf der Bühne, davor agiert das Ensemble in Alltagskleidung, es wird ein bisschen gespielt, ein bisschen thematisiert, dass man gerade spielt, im Ganzen erlebt man arg hilfloses Laientheater. Serebrennikovs Film wird gezeigt, ab und an unterbrochen von Statements des Regisseurs oder Großaufnahmen des Publikums im Saal. Schon klar, wir alle sind gemeint ...

Die Grundidee, einen Opernabend ohne Regisseur zu zeigen, gleichsam als „Zwischenstand“ und als Hommage an Serebrennikov, ist aller Ehren wert, aber muss das Ergebnis derart banal und unausgegoren ausfallen? Daniel Kluge darf als Knusperhexe dann doch heftigst knallchargieren, später steht oder läuft man auf der Bühne wieder hilflos herum und zeigt ein „Free Kirill“-T-Shirt, der finale Kinderchor hampelt zum Davonlaufen ungelenk herum. Hätte das so ungemein kluge Duo Wieler/Morabito hier nicht doch zumindest ein wenig eingreifen können? Dass Diana Haller einen wunderbaren Hänsel singt und Georg Fritzsch das Orchester phänomenal dirigiert, steht auf der Habenseite.

Was ist jedoch mit dem Film? Zu erleben sind zwei wunderbare junge Darsteller (Ariane Gatesi und David Niyomugabo), die bei der Premiere anwesend waren und stürmisch gefeiert wurden. Mimik, Spiel und Charme der beiden sind überwältigend. Und Serebren­nikovs Kameramann Denis Klebleev schafft etliche starke Bilder und Perspektiven. Doch schon die Anlage des Films berührt unangenehm. Es ist ein westlicher Blick auf das vermeintlich arme Afrika, wobei der Film kaum Armut zeigt. Es sind ziemlich fröhliche (Wein trinkende) Menschen zu sehen, dass die Geschwister abhauen, wirkt eher zufällig. Dass sie – aus unerfindlichen Gründen – in Stuttgart auftauchen, mit großen Augen die Geschäfte betrachten, Süßigkeiten schnabulieren und letztendlich in der Staatsoper landen, erscheint arg konstruiert.

So ist bei der Causa Hänsel und Gretel leider ziemlich vieles auf diversen Ebenen verrutscht. Serebrennikov freilich ist zu wünschen, dass sich der Nebel bald lichtet und er seine Arbeit in Stuttgart doch noch fertigstellen kann – mit welchem Ergebnis auch immer.