Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 30.10.2017


Bühne

Im Takt des Blutes

Enrique Gasa Valga verlegt Shakespeares Königsdrama „Macbeth“ ins Katalonien von heute und lässt in der Tanztheater-Uraufführung am Landestheater jede Menge Blut fließen.

© TLT/LarlEin mörderisches Paar: Anna Romanova als nach Macht gierende Lady Macbeth und Samuel Francis Pereira als ihr blutrünstiger Gatte Macbeth.Foto: TLT/Larl



Von Christiane Fasching

Innsbruck – Autoalarmanlagen heulen auf und werden von Maschinengewehrsalven übertönt, die verdächtig nach Krieg klingen. Nach einem Krieg von heute. Helfried Lauckners unterkühlte Bühne erinnert an einen nüchternen Betonbunker: Auf einer Seite hängen Rüstungen, vis-à-vis stecken Schwerter und Dolche in der Wand. Wieder ein Kriegsbild, allerdings ein zeitloseres. Und dann fließt Blut – in ein überdimensionales Waschbecken, das auf einer Videowall aufflackert und zwei tiefrote Hände in Großaufnahme zeigt, an denen Spuren des Todes haften. Die Hände gehören zu Macbeth, jenem schottischen Feldherrn, der angestachelt von seiner machtgeilen Frau und den Prophezeiungen dreier Hexen zunächst zum Königsmörder und dann zum König wird. Sein Weg zum Thron ist von Leichen gepflastert und wird von Irrsinn gesäumt: So steht’s in William Shakespeares Königsdrama, das Enrique Gasa Valga für das Tiroler Landestheater nun zu einem mörderischen Tanzstück verdichtet hat.

Die Handlung verlegt der aus Barcelona stammende Chef der Tanzcompany dabei vom Schottland des elften Jahrhunderts ins Katalonien von heute: In Videosequenzen (Albert Serradó) tauchen immer wieder Bilder von katalanischen Städten auf – Orte also, an denen sich dieser Tage alles um Machtfragen und Unabhängigkeitsdiskussionen dreht. Doch das Abbilden urbaner Impressionen von Barcelona und Co. reicht noch nicht aus, um einen schlüssigen Bogen zu dieser aktuellen Konfliktzone zu spannen. Hier kratzt die knapp 100-minütige Inszenierung nur an der Oberfläche.

Was Gasa Valga fabelhaft beherrscht, ist das Spiel mit Emotionen, das auch seine Tanzcompany verinnerlicht hat: Allen voran Anna Romanova als zum Mord anstachelnde Lady Macbeth, die am Höhepunkt ihres Machtrausches vom Wahnsinn übermannt wird und den Freitod wählt. Romanova, deren weißes Kleid (Kostüme: Eva Praxmarer) zusehends von dunklen Spuren zerfressen wird, ist tänzerisch wie mimisch eine einnehmende Verführerin – und glänzt am meisten in den Momenten des Wahnsinns, in denen sich das Blut ihrer Opfer partout nicht mehr von den Händen waschen lässt. Samuel Francis Pereira fesselt in der Titelrolle des zwischen Killer und King pendelnden Macbeth, der ebenfalls im Entrücktsein zur Höchstform aufläuft: Wenn er im zweiten Akt den Geist seines – von ihm getöteten – besten Freundes Banquo (Jeshua Costa) zu sehen glaubt, ist das eine der stärksten Szenen eines vom Premierenpublikum euphorisch bejubelten Abends.

Schottland blitzt dabei nur in den karoreichen Kostümen von Duncan (Gabriel Marseglia) und Lady Duncan (Alice White) auf, ansonsten tanzt sich das durchwegs starke Ensemble durch ein urbanes Universum, in dem zu den Klängen von Arvo Pärt, Béla Bartók, Antonio Vivaldi und Frédéric Chopin gemeuchelt und geheuchelt wird und bei dröhnend-rhythmischem Clubbing-Sound ekstatische Feierstimmung aufkommt. Der rote Faden ist das Blut, das von der ersten bis zur letzten Sekunde in Strömen fließt, nicht nur auf der Bühne, sondern auch dahinter: So zeigt eine der Videosequenzen ein Gemetzel in den Landestheater-Gängen, bei dem sowohl Intendant Johannes Reitmeier als auch Enrique Gasa Valga dran glauben müssen. Was das zu bedeuten hat? Hoffentlich nichts Prophetisches.